Mobbing – Epilog

Nach seinem Angriff auf mich, und nachdem er mich um Entschuldigung gebeten hatte, war Leon tatsächlich für einige Wochen etwas ruhiger gewesen. Doch der Kater lässt das Mausen nicht, und irgendwann wurde er wieder das Großmaul, als das ihn alle kannten. Mobbing schien er nicht mehr zu betreiben, stattdessen war er offensichtlich ernsthaft auf der Suche nach einer Freundin. Seine ‚Kumpels‘ hingen immer noch in den Pausen mit ihm ab, und da sie alle langsam in das entsprechende Alter kamen, wollte er unbedingt der erste sein, der tatsächlich eine Freundin hatte, sonst hätte womöglich sein Ruf gelitten. Bei mir war er natürlich unten durch, bei meinen Freundinnen ebenfalls, aber eine Mitschülerin namens Jana war offensichtlich nicht abgeneigt, und so sahen wir die beiden nach einiger Zeit in der hinteren Ecke des Schulhofs herumturteln.

Es war eine eher asymmetrische Beziehung: sie schwänzelte um ihn herum, und er behandelte sie im Gegenzug zwar nicht herablassend oder respektlos, aber doch sehr gönnerhaft, so nach dem Motto ‚Hey, du hast den besten Jungen der Klasse abbekommen, dafür darfst du ihm ewig deine Dankbarkeit beweisen!‘. Fast konnte Jana einem ein bisschen leid tun, denn sie war eine eher schüchterne, introvertierte Person, die nicht viele Freunde hatte. Sie war allerdings sehr hübsch und vermutlich froh darüber, durch ihn ein bisschen von seinem vermeintlichen Ruhm und Glanz abzubekommen. Es kam uns fast vor wie eine gelungene Symbiose: er genoss es, mit einem schönen Mädchen zusammen zu sein, und sie genoss es, durch ihn im Rampenlicht zu stehen. Zumindest ging sie auf deutlich mehr Parties als vorher, denn er lud sich immer überall ein, und natürlich nahm er sie jedesmal mit. Für ihre sozialen Kontakte stellte sich das im Laufe der nächsten Wochen tatsächlich als großer Vorteil heraus.

Doch niemand hatte geahnt, dass dann das passieren würde, was wir an einem Dienstagmorgen beobachten durften: Am Montag hatten die beiden noch eng umschlungen und küssend (knutschen mag ich das nicht nennen, ihre Zweisamkeit war tatsächlich immer ein bisschen hölzern geblieben) in ihrer ‚Stammecke‘ auf dem Schulhof gestanden, und nichts hatte auf eine Krise hingedeutet. Doch am Dienstag, schon in der ersten Unterrichtsstunde, machte das Paar keinen glücklichen Eindruck. Sie schritt (ja, es war ein Schreiten, vor seiner Zeit war es bei ihr immer mehr ein Schleichen gewesen, aber jetzt schritt sie wie eine Prinzessin) an ihm vorbei, ohne Notiz von ihm zu nehmen, und er blickte nur grimmig hinter ihr her, um sich dann voll auf den Unterricht zu konzentrieren.

In der großen Pause folgte der Paukenschlag, für alle sichtbar: Leon stand mit seinen Kumpels in der angestammten Ecke des Schulhofs, die Hände zu weissen Fäusten geballt, das Gesicht blass und verzerrt, und Jana … stand keine 20 Meter weiter rechts und knutschte zärtlich mit dem Obernerd aus der Parallelklasse herum! Ihr jetzt-offensichtlich-Ex murmelte etwas von ‚Dieses Miststück! Diese Verräterin!‘, aber komischerweise drangen keine anderen Wutausbrüche zu uns herüber. Kein ‚Ich mach sie fertig!‘, kein ‚Ich leg ihn um!‘, nichts. Ich hatte zumindest erwartet, dass er seinem Widersacher mal so richtig die Meinung geigen würde, oder dass er vielleicht sogar gewalttätig werden würde, aber – nichts! Leon war zwar sauer, aber Rache oder Vergeltung schien ihm gar nicht in den Sinn zu kommen.

Ich war irritiert, denn ich hatte ihn immer für einen extrovertierten Typen gehalten, der seiner Wut freien Lauf lassen würde, aber als ich nach einigen Minuten dezenter Beobachtung immer noch keine entsprechende Regung bei ihm bemerkt hatte, wandte ich mich wieder dem neuen Pärchen zu. Da hatten sich zwei gefunden, das kann man wohl sagen. Jonas, der Obernerd nicht nur unseres Jahrgangs, sondern der ganzen Schule, angelt sich Jana, eines der hübschesten Mädchen (oder sie sich ihn – das galt es noch herauszufinden). Beide schienen sehr glücklich zu sein, und – um das vorwegzunehmen – sie blieben auch einige Jahre zusammen, bis ich beide aus den Augen verlor. Keine Ahnung, ob die beiden inzwischen vielleicht sogar verheiratet sind, zuzutrauen wäre es ihnen gewesen, so wie die beiden auf Wolke sieben schwebten an diesem Dienstagvormittag auf unserem Schulhof.

Doch für mich war die Geschichte mit Leon in diesem Augenblick noch nicht vorbei.

Nach Schulschluss fahre ich meistens mit dem Fahrrad die fünf Kilometer lange Strecke nach Hause. Mein Weg führt mich durch eine Straße in einem gemischten Gewerbe- und Wohngebiet, auf der linken Seite liegt ein großes eingezäuntes Fabrikgelände im Wald, auf der rechten Seite, wo ein breiter Rad- und Fußweg verläuft, stehen Wohnhäuser und kleine Firmengebäude, und dazwischen liegen einige größere und kleinere freie Grundstücke, auf denen große alte Bäume stehen. Das ein oder andere freie Stück ist ziemlich groß und dicht bewaldet, so dass man schon nach wenigen Schritten mitten im Wald steht und die Straße nicht mehr sehen kann.

Ich fuhr nun also dort entlang, wie fast jeden Tag, mein Rucksack auf dem Gepäckträger, meinen Helm auf dem Kopf, ich hatte mich weit nach vorn über den Lenker meines Alltags-Rennrads gebeugt und trat kräftig in die Pedale. Der Tacho zeigte knapp 30 km/h, ich liebe es, wenn mir der Wind um die Nase weht und meine Beine brennen. Zu Hause war ich meistens ziemlich platt, aber für mich war der Heimweg immer eine hervorragende Gelegenheit, mich sportlich zu verausgaben. Der Fahrtwind rauschte in meinen Ohren, ein LKW brauste vorbei, ein Auto hupte, aus einer Tischlerei um die Ecke kreischte eine Säge, und doch hörte ich ein weiteres Geräusch, das nicht so richtig hierhin zu passen schien. Und war ich nicht gerade an einem achtlos am Waldrand abgelegten Fahrrad vorbeigefahren?

Ich schüttelte den Kopf und fuhr weiter, als ich erneut das Geräusch hörte, ganz leise nur, als hätte es nicht genug Kraft, den Lärm der Umgebung zu übertönen, aber trotzdem so laut, dass es unbedingt an mein Ohr dringen wollte. Ich bremste scharf ab, das Rauschen des Fahrtwindes verstummte augenblicklich, und ich blickte mich um; es war kein Fahrzeug mehr auf der Straße zu sehen oder zu hören; die Säge holte kurz Luft; das Fahrrad lag etwa 25 Meter hinter mir am Waldrand; eine Krähe krächzte, aber das war nicht das Geräusch von eben gewesen. Da war es wieder – es klang wie ein leises Wimmern, selbst bei der momentanen Stille kaum wahrnehmbar, und schien aus dem Waldstück zu kommen.

mobbing-epilog

Ich stieg vom Rad und schob es zurück zu der Stelle, wo das andere Rad im Dreck lag. Das Wimmern war verstummt, nichts war zu hören, dann brauste ein weiterer Laster heran. Ich blickte zum Waldstück hinüber: mehrere gewaltige Eichen- und Buchenstämme versperrten den Blick auf eine kleine Senke dahinter. Ich lehnte mein Rad an einen der Bäume und ging vorsichtig auf die Senke zu. Weiches, dünnhalmiges Gras dämpfte meine Schritte, ein paar Autos und Lastwagen hinter mir hätten aber ohnehin jegliches Geräusch übertönt. Als ich um die dicke Eiche in der Mitte herumlugte, sah ich in der Senke eine mir sehr bekannte Person sitzen, mit dem Rücken zu mir, die Arme um die Knie geschlungen, den Kopf gesenkt, der Rücken bebte kaum merklich unter den leise schluchzenden Atemzügen. Leon! Ich überlegte kurz, ob ich ihn seinem Schicksal überlassen sollte – die Trennung von Jana schien ihn deutlich mehr mitgenommen zu haben, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Doch irgendetwas sagte mir, dass er vielleicht Hilfe bräuchte. Ein paar freundliche Worte. Jemanden, der ihm zuhört. Und so ging ich vorsichtig auf ihn zu, und er schien mich zu bemerken, denn er hielt die Luft an wie ein Tier, das Witterung aufnimmt, und hob den Kopf ganz leicht an, doch er drehte sich nicht um und sagte auch nichts. Er atmete tief und stockend ein, dann langsam wieder aus.
„Alles OK?“, fragte ich.
Keine Antwort, aber er atmete wieder normal und das Schluchzen war weg, nur seine Nase schniefte.
„Darf ich mich setzen?“
Er nickte stumm und kaum merklich und starrte weiter geradeaus in den Wald. Ich setzte mich neben ihn, und so saßen wir einige Zeit schweigend nebeneinander, es kam mir vor wie ein paar Minuten, aber vermutlich war es deutlich länger. Ich blickte gelegentlich verstohlen zu ihm hinüber, er hatte rotgeweinte Augen, ein bisschen Rotz lief ihm aus der Nase, und ab und zu tropfte eine Träne von seinen Wangen.
Irgendwann setzte er an, etwas zu sagen, heulte stöhnend auf, holte noch einmal Luft und wimmerte dann: „Es tut mir so leiheiheid!“ Und dann liefen die Tränen erst richtig, wie unkontrollierte Sturzbäche im Gebirge, es machte fast den Eindruck als wollte er die Senke unter Wasser setzen.
Ich war vollkommen ratlos – was tat ihm leid? Dass seine Freundin ihn verlassen hatte? Klar, das konnte ich verstehen, aber sagt man in so einer Situation so einen Satz?
Da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, legte ich vorsichtig meinen rechten Arm um seine Schultern, ohne mich anders hinzusetzen. Zu meiner Überraschung führte das bei ihm zu keinerlei spontaner Änderung, er heulte weiter als wäre nichts geschehen.
Doch irgendwann sind die größten Tränen ausgeweint, er schniefte noch ein paarmal, rieb sich die Nase am Handrücken ab und sah mich dann aus verquollenen Augen an. „Danke.“
„Danke? Wofür?“
„Dass du da bist. Ich glaube ich weiss jetzt, wie du dich neulich gefühlt haben musst. Es tut mir wirklich, wirklich leid.“
„Danke.“
Diese Unterhaltung bedeutete keineswegs, dass wir ab diesem Zeitpunkt Freunde waren; aber er wusste jetzt, wie es mir ergangen war, und ich wusste, dass unter seiner harten Schale ein weicher Kern steckte.

Wir kletterten aus der dunklen Senke heraus und fuhren ein kleines Stück gemeinsam, schweigend, bevor er an einer Seitenstraße anhielt.
„Hier fahre ich rechts weiter“, stellte er sachlich fest.
„Und ich geradeaus“, entgegnete ich trocken.
„Darf ich dich um etwas bitten?“
„Klar.“
„Es wäre schön, wenn du das für dich behalten könntest.“
„Selbstverständlich.“
„Danke.“
„Gern.“
Er nickte mir stumm zu, schwang sich auf sein Rad und fuhr nach Hause. Ich sah ihm noch einen Moment hinterher, er drehte sich nicht um und radelte zügig um die nächste Kurve, aus meinem Blickfeld.

Wir wurden trotzdem nie beste Freunde, dafür blieb er einfach zu großmäulig, und obwohl ich ihm seine Mobbing-Aktion von Herzen verziehen hatte, konnte ich sie doch nicht vergessen. In der Schule fiel es aber auf, dass wir uns freundlich begrüßten und gelegentlich sogar anlächelten. Unsere Klassenlehrerin nahm mich ein paar Tage später nach dem Unterricht zur Seite: „Ist alles okay?“
„Ja, alles bestens!“
„Du scheinst gut klarzukommen mit Leon …“
„Wir haben geredet.“
„Oh … prima!“ Sie lächelte und zog eine Augenbraue hoch.
„Nur geredet!“, lachte ich.
„Ja, alles gut!“ Sie musste ebenfalls lachen.

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