Das letzte Jahr war das Letzte

Es gibt Jahre, in denen läuft es gut. Es gibt Jahre, in denen läuft es nicht so gut. Und dann gibt es Jahre, in denen es so unglaublich beschissen läuft, dass die Bilanz nur lauten kann: so ein Jahr will man nie wieder erleben.

Und genau so ein Jahr hatte ich letztes Jahr. Die erste Katastrophe war, dass ich im Frühsommer von meinem langjährigen Freund betrogen wurde. Von dem Mann, mit dem ich bis zu diesem schicksalshaften Tag geplant hatte, den Rest meines Lebens zu verbringen. Ich konnte unter keinen Umständen mehr mit ihm zusammen bleiben und machte Schluss. Ein großer Teil meines Lebens lag nicht nur in Trümmern, sondern hatte sich komplett in Nichts aufgelöst. Als würde man das halbe Fundament eines Hauses wegsprengen.

Nach diesem Tiefschlag krempelte ich meinen Stil und mein Äußeres komplett um, teils weil ich damit einem lange aufgestauten inneren Drang nachkommen wollte, teils weil ich dringend eine Veränderung brauchte. Ich musste mich zwischen diesen spärlichen Resten meines Lebens wiederfinden. Die lange blonde Mähne musste als erstes dran glauben, und das war nicht das Letzte, was ich auf den Kopf stellte. Insgesamt ging ich aus dieser Nummer (haha!) gestärkt hervor, auch wenn das zunächst nicht so ausgesehen hatte und natürlich nicht so geplant war.

Einige Wochen später hatte das Jahr eine positive Überraschung parat: ich lernte einen neuen Mann kennen, mit dem es so perfekt losging wie man es sich nur wünschen kann. Marke Traumprinz mit realem Hintergrund, kein Blender, kein Spinner, sondern ein großartiger Typ mit allen Extras, die man sich als Frau nur wünschen kann.

Wäre das Jahr hier zu Ende gewesen, wäre es vermutlich das beste meines Lebens geworden.

Doch mitten in diesem Höhenflug wurde es ganz spontan ganz extrem beschissen (und beschissen ist noch geprahlt), dann ging es von dort aus immer weiter abwärts, und als es irgendwann tatsächlich wieder aufwärts ging, war das bestenfalls im Schneckentempo. Mit krassen Rückschlägen, die mich permanent an der Realität zweifeln ließen. Über die Details kann und will ich nicht reden, aber mir ist etwas absolut Furchtbares widerfahren, was ich niemandem wünschen würde.

Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch, aber in Folge dieser Katastrophe habe ich eine Phase hinter mir, in der ich mich jeden Tag von der nächsten Brücke stürzen wollte. Mehrmals. Einzig meine vollkommen negative Stimmung hat mich davon abgehalten. Und, ganz tief in mir drin, eine leise Stimme, nur knapp über der Wahrnehmungsschwelle, die immer verzweifelter flüsterte: „Anna, gib nicht auf! Anna, verzweifle nicht! Anna, es wird bessere Tage geben!“ Und dann wurde der nächste Tag, was für eine Überraschung, noch beschissener. Zum Glück konnte ich mich nicht einmal dazu aufraffen, das Haus zu verlassen. Oder auch nur das Bett. Und somit wurde es auch nichts mit dem Sprung von der Brücke.

Aber irgendwann wurde es tatsächlich besser. Nicht gut. Schon gar nicht sehr gut. Von Perfektion ganz zu schweigen. Aber besser. Das Wort gibt ja eine Relation an. „Besser als gestern“ zum Beispiel. Und ja, ein Tag ist besser als der vorige, wenn der erste Gedanke am Morgen nicht ist „Heute stürze ich mich von einer Brücke“ sondern „Heute ist ein beschissener Tag“. Weil es draußen regnet und man das wahrnimmt. Nicht wie an all den richtig beschissenen Tagen zuvor, an denen man überhaupt nichts wahrgenommen hat.

Und nach ein paar Wochen redet man tatsächlich wieder ein paar sinnvolle Worte und Sätze. Und irgendwann (dieses Wort beschreibt präziser als jedes andere mein Zeitgefühl dieser Wochen) traut man sich wieder vor das Haus, auf die Straße, in die Uni, ins Leben. Unter Menschen. Denen man so gar nicht mehr traut.

Auch wenn es ein täglicher Kampf ist, weil immer genau in dem Moment, wo man es überhaupt nicht gebrauchen kann, wieder ein finsterer Gedanke überhand nimmt und man davon in den Abgrund gerissen wird. Was besonders toll ist, wenn man gerade in der Vorlesung sitzt. Oder lernen will. Oder mit der Bahn oder dem Bus fährt. Und einen alle anderen verwirrt, mitleidig oder irritiert anstarren oder verlegen an einem vorbeistarren und nicht wissen, wie sie auf dieses Wrack reagieren sollen, das sich gerade vor ihren Augen materialisiert. Ich weiß es ja selber nicht.

Man ist eigentlich nicht sozialverträglich, aber lustigerweise stört einen das irgendwann (da ist das Wort wieder!) nicht mehr so sehr. Man lernt damit zu leben, dass man total gestört ist. Und die Reaktion seiner Mitmenschen wird einem vollkommen egal. Man schaltet in einen distanzierten Autopilot-Modus, bei dem man sowohl zu sich selbst als auch zu anderen Personen eine externe Perspektive einnimmt. Es ist wie ein Film oder ein Theaterstück, man ist Zuschauer bei seinem eigenen Leben.

Der Vorteil ist, dass die Rückkehr ins Leben auf diese Art und Weise eine gewisse Eigendynamik entwickelt und man, selbst wenn man weiterhin völlig gaga ist, sogar so etwas ähnliches wie Spaß und Lebensfreude empfindet. Eben weil sich alles vollkommen surreal anfühlt und man nur Passagier in dieser Geisterbahn ist, die normale Menschen „Leben“ nennen.

Und gerade wenn man ein bisschen stolz auf die kleinen, mühsam erarbeiteten Fortschritte der letzten Wochen ist, kommen die Feiertage, an denen man trotz aller Bemühungen der Familie und der Freunde wieder in ein tiefes Loch nach dem anderen fällt. Und egal was man selbst tut oder was die anderen versuchen: wenn es einmal losgeht, geht es unaufhaltsam weiter abwärts. Als würde man in einen Schacht stürzen, dessen Wände vollkommen schleimig und glitschig sind. Man versucht sich festzuhalten und findet nichts, was konkret genug wäre, dass Hände oder Füße (oder der Verstand) es ergreifen könnten. Und die Verzweiflung wächst, während man noch tiefer rutscht und sich irgendwann (haha!) in einem vollkommen finsteren, kalten Raum ohne jegliche Dimension und ohne irgendwelche Bezugspunkte wiederfindet. Hier gibt es nichts. Außer Furcht, Angst und Verzweiflung. An dieser Stelle endet vermutlich so manches Leben. Entweder durch Einweisung in die geschlossene Anstalt oder durch Selbstmord.

Aber da ich in den Monaten vorher schon gute Bekanntschaft mit dieser sinnlosen Finsternis gemacht hatte, ignorierte ich sie dieses Mal einfach und konzentrierte mich stattdessen auf mich. Auf den Kern meines Wesens. Und zu meiner großen Freude und Überraschung fand ich mich in dieser Leere, und ich fand mich nicht nur erträglich, sondern sehr nett und angenehm. Man kann viel Zeit mit sich verbringen, wenn man erstmal Frieden mit sich geschlossen hat. Besonders spannend ist es, wenn man dabei etwas Neues erfährt.

Ich kann mir jetzt ungefähr vorstellen, wie der Gedächtnispalast von Sherlock Holmes funktioniert.

Die Überraschung folgte kurz nach dieser Erkenntnis: obwohl ich das Gefühl gehabt hatte, einige Tage oder zumindest etliche Stunden im Delirium verbracht zu haben, war ich nur wenige Minuten „weg“ gewesen. Meine Mutter hatte mich besorgt gefragt, ob alles in Ordnung sei, und ich hatte ohne zu zögern fröhlich lächelnd erwidert, dass es mir bestens ginge. Das war absolut betrachtet natürlich gelogen. Aber in Relation zu den Abstürzen vorher war das schon sehr viel besser.

Seitdem weiß ich, wie ich das Loch wieder verlassen kann. Und ich ruhe in mir selbst. Auch wenn der Absturz, der weiterhin jederzeit kommen kann, immer noch fürchterlich ist. Und der kommt immer noch in vollkommen unpassenden Momenten – und viel zu häufig.

Natürlich leiden auch andere Menschen unter meinem asozialen Verhalten. Meine Eltern leben in ständiger Sorge, dass ich doch noch eine Brücke finde. Und einfach springe. Meine beiden besten Freundinnen haben in den letzten Monaten vermutlich mehr geheult als ich. Und mein neuer Freund weiß nicht, ob wir überhaupt noch zusammen sind. Ich weiß es selbst nicht. Ich habe ihn seit der Katastrophe nicht mehr sehen wollen. Ich weiß nicht wie ich das jemals wieder in den Griff bekommen kann.

Und noch schlimmer ist, dass ich nicht weiß, ob ich das überhaupt wieder in den Griff kriegen will…

Ich bin vermutlich noch beschissener als das letzte Jahr.

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4 Gedanken zu “Das letzte Jahr war das Letzte

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