Machen Sie etwas Schönes!

Mein Therapeut sagt am Ende jeder Sitzung: „Machen Sie etwas Schönes.“ Nicht als Befehl oder Anordnung, sondern als Aufforderung oder Wunsch.

Normalerweise ist das Schönste, was ich derzeit mache, mich abends wahllos durch Netflix oder Spotify zu klicken und dabei eine Flasche Wein zu leeren. Oder zwei. Mir ist bewusst, dass das eigentlich nicht schön ist, zumal, wenn man das fast jeden Abend macht, aber ich bilde mir ein, dass ich danach wenigstens ein paar Stunden Schlaf finde. Was natürlich auch nicht stimmt, aber lieber belüge ich mich selbst, als dass ich die dunklen Abende allein zu Hause im nüchternen Zustand verbringe. Und meine Freundinnen können mich auch nicht täglich bespaßen, die haben ohnehin schon genug damit zu tun, mich am Wochenende aufzufangen.

Doch vor ein paar Tagen habe ich nach einer Therapiesitzung und der Aufforderung, etwas Schönes zu machen, die Bahn an einer anderen Haltestelle verlassen als üblich. Es war der Tag nach dem Kinobesuch ohne Happy End, und ich weiß nicht, was meine Schritte gelenkt hat, aber ich steuerte zielstrebig auf eine der schönsten und höchsten Kirchen der Stadt zu. Ich bin nicht sonderlich religiös; das war also vermutlich nicht die Ursache dafür, dass meine Füße sich für diesen Ort entschieden hatten.

Ich stand vor dem Turm und blickte nach oben; das Wetter war, wie hätte es auch anders sein können, kalt, nass, grau und windig. Man konnte durch die tief hängenden Wolken und die Schneeregenflocken kaum die Kirchturmspitze sehen, und doch hatte ich den Eindruck, dass dort oben Menschen waren, die die … na, die Aussicht konnte es kaum gewesen sein, die sie dort genossen, aber sie waren jedenfalls dort oben.

Hoch über der Stadt. Weit weg von all dem Elend und all der Profanität hier unten.

Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten, dort hinauf zu gelangen: zu Fuß oder ganz bequem mit dem Fahrstuhl. Mein Fitnesstracker namens Sheldon war der Meinung, dass ich die Treppe nehmen sollte.

Nach etwa hundert Stufen war ich anderer Meinung. Ich schnaufte merklich, und meine Beine fingen an zu schmerzen. Ich hatte irgendeine Zwischenetage erreicht, und die Aussichtsebene war noch nicht ansatzweise in Sicht.

Immerhin gab es auf dem weiteren Weg einiges zu sehen, so ein Kirchturm ist ja nicht leer, man glaubt kaum, was für Gerümpel dort aufbewahrt wird. Glocken hängen dort ebenfalls herum, aber ich hoffte inständig, dass sie nicht läuten würden, ich wollte nicht auch noch taub werden. Verschiedene Arten von Treppen zwischen den einzelnen Ebenen sorgten für weitere Abwechslung.

Nach etwa zweihundert Stufen und der dritten oder vierten Treppensorte brauchte ich meine erste Pause. Das durfte alles nicht wahr sein: vor ein paar Monaten wäre ich locker in fünf Minuten bis oben hochgejoggt. Okay, vielleicht in sieben Minuten. Aber jetzt? Ein Trauerspiel. Und ich hatte noch mehr als die Hälfte vor mir!

Ein älteres Ehepaar überholte mich festen, gleichmäßigen Schrittes und sah von oben ein wenig mitleidig zu mir herab. Ich signalisierte mit einer fahrigen Handbewegung und einem möglichst unverkrampften Lächeln, dass ich keinen Notarzt brauchte. Verdammt! Ich erschrak vor mir selbst: Nicht fluchen! Ich bin in einer Kirche, Himmelherrgott!

Die Herrschaften verschwanden weiter oben um irgendeine Ecke, und ich war wieder allein. Ich könnte einfach wieder umkehren, überlegte ich, immerhin hatte ich mich in den letzten fünfzehn, nein, zwanzig Minuten mehr bewegt als in den letzten drei Monaten. Das war schon ein großer Erfolg, den könnte ich zu Hause auf meinem gemütlichen Sofa mit einem leckeren Cappuccino aus meinem Vollautomaten und einer Staffel Game of Thrones feiern. Oder ich könnte gleich einen trockenen Rotwein aufmachen und den … Nachmittag? … ausklingen lassen.

Scheiße, dachte ich, und verfluchte mich gleich wieder für meine Unflätigkeit. Ich bin nicht hier, um mir irgendwelche staubigen Balken und Steine anzusehen und mich dann zu Hause selbstmitleidig zu besaufen, sondern um den Panoramablick über die schönste aller Städte zu genießen!

Nach fünfzig weiteren Stufen brauchte ich schon wieder eine Verschnaufpause. Meine Beine brannten, meine Lunge brannte, meine Stirn brannte, hoffentlich setzte ich nicht noch den Turm in Brand! Ich verfluchte mich dafür, dass ich nichts zu trinken mitgenommen hatte, und dann dafür, dass ich schon wieder geflucht hatte. Ein Kiosk auf halber Strecke wäre eine Goldgrube! Sie könnten dort Glühwein verkaufen und würden das Geschäft ihres Lebens machen. Nur mit mir.

Nach insgesamt dreihundert Stufen sah ich Sterne, obwohl ich immer noch nicht am Ziel angekommen war. Mein Herz raste, und ich musste jede Stufe einzeln anpeilen, weil mir ätzender Schweiß in die Augen lief. 301. 302. 30… 3? 5? 4? Verdammt. Verzählt. Verflucht! Ich schleppte mich weiter.

Ein paar Minuten später kam mir ein größerer Schwung Leute entgegen, was mir ganz gelegen kam, weil ich so einen Grund hatte, erneut nach Luft zu schnappen. Ich muss einen erbärmlichen Eindruck gemacht haben, so mitleidig wie die Blicke waren, die mir verstohlen zugeworfen wurden. Ich versuchte sie zu ignorieren und mich auf mein Ziel zu konzentrieren: irgendwo da oben war die Aussichtsplattform. Da wollte ich hin, musste ich hin. Wie viele Stufen mochten es noch sein? Hundert? Zweihundert? Tausend?

Als die Menschenmenge an mir vorbei nach unten entschwunden war, setzte ich mich wieder in Bewegung. Eins. Zwei. Schnauf. Röchel. Ächz. Sechs. Seufz. Los! Weiter! Zehn. Zwölf. Elf? Mist. Dreck. Verzählt! So schleppte ich mich Stufe um Stufe weiter nach oben und ließ meine Gedanken schweifen. Morten. Arbeit. Uni. Sport. Morten. Musik. Wein. Kino. Blondine. Morten. Popcorn. Morten. Küsse. Morten. Sex. Verdammt. Verdammt. Verdammt! Stufe. Stufe. Stufe. Links. Rechts. Links. Rechts …

Irgendwann stand ich am Ende der fünfzehnten Art von Treppen vor einer schweren Tür. „Ausgang zur Plattform – Drücken“ verkündete das Schild. Endlich! Ich war am Ziel! Mein Glück war unbeschreiblich, es war, als wäre eine tonnenschwere Last von mir gefallen, mein Herz hüpfte statt zu hämmern, meine Beine waren leicht wie Federn, mein Atem beruhigte sich, und ich fühlte mich wie neugeboren.

Mit frischer Energie betätigte ich die Türklinke und öffnete die Tür. Oder besser: ich versuchte es. Vergeblich. Verflucht! Ich war zu schwach, so eine läppische Tür zu öffnen! Ich warf mich mit meinem ganzen Gewicht dagegen – es knackte leicht in meiner Schulter, aber die Tür rührte sich keinen Millimeter. Verdammte Scheiße! Ich zog, drückte, hängte mich dran, warf mich dagegen, riß fast den Griff ab und trat schließlich so lange dagegen, bis mir der Fuß schmerzte.

Das darf nicht wahr sein! Welcher verdammte Idiot schließt die Tür ab, wenn noch jemand auf dem Weg nach oben ist? Mistkerl! Schwachkopf! Rücksichtsloser … mir gingen die Puste und die Flüche aus.

Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Tür und ließ mich langsam zu Boden sinken. Da saß ich nun, hoch über der Stadt, hinter einer profanen grauen Tür auf einem kalten Treppenabsatz, um mich herum nichts als kahle, langweilige Wände und ein paar Meter unter mir der oberste Absatz des Treppenhauses. Aber, immerhin, ich war oben angekommen! Positiv denken! Das war eine reife Leistung!

Stolz wie ein Olympiasieger wandte ich mich an Sheldon. Er würde mir ganz objektiv verraten, wie viele Stufen ich gemeistert hatte, wie lange ich dafür gebraucht hatte und vor allem: wie viele Kalorien ich dabei verbrannt hatte! Heute war der sportlichste Tag des Jahres gewesen! Ich schob den Ärmel meiner Daunenjacke hoch und drehte Sheldons Display zu mir.

Schwarz. Ich schüttelte mein Handgelenk: schwarz. Ich drückte auf ihm herum, erst zaghaft, dann hämmernd: schwarz. Das darf nicht wahr sein! Der Akku hatte aufgegeben. Verdammter Dreck! Scheißtechnik! Da hat man endlich was geschafft, und dann versagt die simpelste Technik!

„Aaaaaaah! So ein verdammter Scheißdreck!“ Ich brüllte Sheldon im speziellen und den leeren Raum im allgemeinen an. Ich war wirklich wütend, zerrte den nutzlosen Fitnesstracker vom Handgelenk und warf ihn in die Tiefe. Er verschwand wider Erwarten lautlos im Halbdunkel, ich vernahm jedenfalls keinen erleichternden Aufprall. Tränen traten mir in die Augen, und ich stieß noch einen zweiten wütenden Schrei aus, um mich vom Heulen abzuhalten. Ich stand ruckartig auf, schnappte mir meinen Rucksack und stampfte wie eine Furie die ersten Stufen abwärts. Das mit dem Kirchturm war eine richtig beschissene Idee gewesen!

„Hallo, ist da jemand?“, fragte eine freundlich-besorgte Frauenstimme von unten. Ich erstarrte: hoffentlich hatte sie nicht mein Geschrei gehört. Was natürlich Unfug war, denn woran sonst hätte sie bemerken können, dass ich hier war?

„Ich geh ja schon!“, maulte ich und beeilte mich die Treppe hinabzusteigen. Ich fühlte mich erstaunlich fit, dafür, dass ich mich eben ein paar hundert Stufen heraufgeschleppt hatte und mir dabei fast schwarz vor Augen geworden wäre. Vermutlich war es das Adrenalin. Nutze den Schub, dachte ich, denn ich weiß aus Erfahrung, dass der nicht ewig anhält.

„Oh, wollten Sie noch auf die Plattform?“ Eine ältere Frau mit einem rotwangig-fröhlichen Gesicht, Pudelmütze und Steppjacke lugte von der nächsten Zwischenebene zu mir herauf.

„Ja, das war mein Plan, aber irgendein Idiot hat da oben abgeschlossen!“ Meine Stimmung war, freundlich formuliert, gedämpft, und das ließ ich ungehemmt an der Dame aus.

„Das ist ja schade“, erwiderte sie unverändert freundlich.

Ich wollte weiter zetern und meckern, aber ihre ruhige Art und ihr glückliches Gesicht hielten mich davon ab. „Ich bin vollkommen umsonst hier hochgelaufen, das nervt mich einfach. Ich geh jetzt nach Hause.“

„Ist das heute Ihr erster Besuch hier?“

„Ja, und es war ein totaler Reinfall.“

„Die Aussicht ist sehr schön, Sie sollten auf jeden Fall wiederkommen.“

„Mir ist die Lust vergangen. Außerdem habe ich meinen Fitnesstracker verloren … weggeworfen.“ Ich hatte das Gefühl, dass ich bei der Wahrheit bleiben sollte. Für eine Kirche hatte ich schon genug geflucht, da wollte ich nicht auch noch lügen.

„Die sind ziemlich teuer, oder?“

„Der war neu und nicht ganz billig.“

„Und jetzt ist er weg.“ Sie sagte das ohne Bedauern, aber auch ohne Sarkasmus. Es war einfach nur eine sachliche Feststellung.

„250 Euro …“, ich machte von meiner aktuellen Position aus eine knappe Handbewegung Richtung Abgrund, knapp neben ihr, „… irgendwo da unten.“

Sie stieß einen kurzen Pfiff aus. „Das ist schmerzhaft.“

„Ich kaufe mir einfach einen neuen, wenn ich überhaupt noch Bock drauf habe. Er hat kläglich versagt.“

„Und deswegen haben Sie ihn weggeworfen?“

Ich zögerte mit meiner Antwort. Was ging sie mein Fitnesstracker an? Geld spielt für mich keine Rolle, und das Ding hatte mich wirklich genervt. Wozu hat man einen Schritt-, Treppen- und Pulsmesser mit GPS, wenn er nicht aufgeladen ist … aufgeladen wird … verflixt! Ich hatte ihn in den letzten Tagen nicht am Ladegerät, weil … ja, warum eigentlich?

Ich hatte mich vom ersten Tag an darüber geärgert, was für deprimierende Daten er angezeigt hatte. Früher war ich tausende von Schritten am Tag gegangen, dazu waren viele Kilometer auf dem Rad und meine täglichen Sporteinheiten gekommen. Ich hatte vermutet, dass ich zumindest noch so viel liefe wie früher, aber nach dem ersten Tag hatte Sheldon nüchtern verkündet: „523 Schritte“. Das war unglaublich frustrierend gewesen, und für mich war die Diagnose ganz eindeutig gewesen: das Teil ist Schrott.

Und so war er in kürzester Zeit zur ungeliebten Last geworden, und ich hatte ihn offensichtlich nicht mehr aufgeladen. So konnte das natürlich nichts werden. Mein erster Erfolg nach Monaten war aufgrund meiner eigenen Blödheit nicht objektiv erfasst worden.

Die Frau sah mich immer noch freundlich an, und ich setzte mich wieder in Bewegung, um aus dieser peinlichen Situation zu entkommen. „Ich habe momentan keine gute Phase im Leben, deshalb reagiere ich manchmal etwas impulsiv. Ich werde mir einfach einen neuen kaufen, aber jetzt muss ich los. Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“

Ich eilte die Treppe hinab und huschte an ihr vorbei, als sie wie beiläufig sagte: „Wollten Sie nicht auf die Plattform?“

Wie blöd kann man sein, dachte ich, ich hatte ihr doch gerade erzählt, dass irgendein Penner die Tür abgeschlossen hatte. Ich versuchte, freundlich zu bleiben, drehte mich kurz zu ihr um und wiederholte: „Da hat schon … jemand … abgeschlossen.“

„Ah, richtig, irgendein Idiot.“ Sie schien sich über irgendetwas zu amüsieren. Mir war das egal, ich schüttelte den Kopf und begann den weiteren Abstieg. Ich würde jetzt in die Stadt gehen und mir einen neuen Sheldon kaufen. Den würde ich besser behandeln, mehr wie einen Freund und nicht wie einen Gegner.

„Ich gehe noch nach oben“, verkündete die Dame fröhlich, und ich vernahm das charakteristische Klimpern eines Schlüsselbunds. „Wenn Sie möchten, können Sie mitkommen.“

Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Sie hatte einen Schlüssel. Sie war hier oben gewesen, und sie war es gewesen, die nach dem letzten Besucher abgeschlossen hatte … sie war der … ich schluckte … der Idiot. Oh verdammt! Wie peinlich!

Sie hatte bemerkt, dass ich stehengeblieben war, und kicherte fröhlich. „Falls Sie kein Problem damit haben, mit einem Idioten zusammen die Aussicht zu genießen.“

„Es tut mir … wirklich leid … ich … wollte Sie nicht beleidigen.“

„Schon gut, aber ich möchte Sie bitten, nicht mehr zu fluchen oder gegen die Tür zu treten.“ Ihre Stimme klang immer noch nach guter Laune. Unerschütterlich optimistisch. Beneidenswert.

Ich stapfte langsam die Stufen wieder nach oben und sah ihr so direkt ins Gesicht wie es mein schlechtes Gewissen zuließ. „Ich verspreche es“, murmelte ich.

„Na, dann kommen Sie. Ich muss ohnehin noch ein paar Sachen kontrollieren, aber passen Sie auf – es ist glatt und windig. Hören Sie das?“ Sie neigte den Kopf zur Seite, und ich hielt die Luft an. Man musste gar nicht so genau hinhören, man musste nur den Kopf etwas frei haben, dann vernahm man das Heulen und Pfeifen des Windes, der am Turm zerrte.

„Oh ja, das ist kaum zu überhören!“

Sie ging voraus, schloss die Tür auf und drückte kräftig dagegen. Eiskalter Wind blies uns feuchte, fette, klebrige Flocken entgegen, und ich zog meine Kapuze tief ins Gesicht, bevor ich ins Freie trat.

„Wehen Sie nicht weg!“, rief meine Begleiterin und erklomm mit erstaunlicher Leichtigkeit die Stufen zu einer weiteren Plattform, die sich in der Mitte erhob. „Ich bin gleich wieder da!“

Ich ging langsam zum Rand, ich wollte unbedingt den Panoramablick über die Stadt genießen. Auch wenn ich mir wenig Hoffnung machte: hier oben schienen wir schon in den Wolken zu hängen, und das Schneegestöber war deutlich dichter als unten vor der Kirche.

Ich musste mich am Geländer festhalten und blickte in die Tiefe: die Häuser und Gebäude ringsum waren nur schemenhaft zu erkennen, der nahegelegene Hafen war bestenfalls zu erahnen. Es war, als würde man in eine Märchenwelt sehen. Der Wind, schon fast ein Sturm, raubte mir den Atem und fegte mir die Kapuze vom Kopf. Ich ließ ihn gewähren – es kam mir vor, als würde er einen Teil meiner finsteren Gedanken mitnehmen.

Meine Ohren fühlten sich an, als würden sie gleich abfrieren, mein Gesicht glühte den eisigen Flocken entgegen, und ich bejubelte das Wetter, den Wind, die Wolken und die Kälte. Und die Stadt unter mir, die von hier oben so surreal und unbedeutend wirkte.

„Alles in Ordnung?“, fragte die Turmwächterin, die wie aus dem Nichts wieder neben mir aufgetaucht war.

„Das ist toll!“, rief ich zurück und strahlte sie an.

„Wir müssen aber leider wieder rein!“

„Ja, okay!“

Wir stapften durch die dicke Schneeschicht zurück zur Tür, und als wir sie von innen hinter uns zuzogen und sie sie wieder abschloss, sagte ich: „Vielen Dank, das war ein tolles Erlebnis! Und ich möchte mich nochmal für meine Unhöflichkeit entschuldigen …“

„Machen Sie sich keine Gedanken deswegen. Es freut mich, dass es Ihnen gefallen hat.“

„Ich muss jetzt aber wirklich los. Ich komme bestimmt wieder!“

„Ich bin fast jeden Nachmittag hier oben, zum Abschließen. Ich freue mich, wenn Sie wiederkommen.“

Wir gingen die Stufen bis zur ersten Zwischenebene hinab, wo ich ihr begegnet war, ich bedankte mich nochmals (ich war wirklich glücklich!) und wandte mich zum Gehen.

„Ihr Fitnesstracker, welche Farbe hatte der?“

Was für eine sinnlose Frage war das denn bitte? Sollte ich darauf ernsthaft antworten? Sie lächelte irgendwie … verschmitzt? … wissend?

„War er vielleicht … schwarz?“, fragte sie.

„Äh, ja, genau, schwarz“, stammelte ich. Hatte sie gut geraten? Ich bin derzeit eher dunkel … okay: schwarz gekleidet. Oder konnte sie hellsehen?

„Und er sieht aus wie eine etwas dickere Armbanduhr?“

„Ja, klar, so sehen die eigentlich alle aus!“ Ich war leicht genervt.

„Ist es vielleicht der da oben?“ Sie deutete ins Halbdunkel über uns, unterhalb der Tür zur Außenwelt. Ich starrte in die angegebene Richtung: da war nur Luft, ich hätte Sheldon hochwerfen müssen, auf die Tragbalken oberhalb der Tür, damit er dort hätte liegen können.

„Wo, da oben? Ich habe ihn nach unten geworfen, er müsste hier auf dem Zwischenboden liegen, oder am Rand hinuntergefallen sein. Ich habe ihn nicht aufprallen gehört, also liegt er vermutlich weiter unten.“

Sie lachte laut auf, und ich muss sehr irritiert geguckt haben. „Da ist ein Netz gespannt, damit nichts nach unten durchfällt. Da, sehen Sie?“ Ihre Hand deutete auf eine Position knapp über ihrem Kopf.

Ich trat näher und suchte mit zusammengekniffenen Augen den leeren Raum ab. Tatsächlich, da hing er, mitten in der Luft, in einem Netz, das im schummrigen Licht praktisch unsichtbar war.

„Das ist ja …“, fing ich an.

„… wunderbar?“, fuhr sie fort.

„Unglaublich!“

„So kann man das auch nennen, ja“, entgegnete sie trocken. „Moment, ich hole die Angel.“ Sie verschwand in einem kleinen Kabäuschen in einer noch dunkleren Ecke und kam mit einer langen Stange zurück, die einem Enterhaken glich. Mit einer geübten Bewegung fischte sie meinen Fitnesstracker aus dem Netz.

Ich war sprachlos. Sheldon war wieder da! Ich würde ihn ab jetzt immer aufladen, und ich würde ihm mehr Respekt entgegen bringen. Auch wenn er nur ein (teures) Stück Elektronik und Plastik war.

Ich band ihn um mein Handgelenk und bedankte mich überschwänglich bei meiner neuen Bekannten.

Wir verabschiedeten uns, und ich machte mich an den Abstieg.

Vor der Kirche warf ich einen Blick nach oben. Es hatte aufgehört zu schneien, und ein dünner Strahl der Nachmittagssonne fiel durch ein winziges Loch in den Wolken genau auf die Stelle, wo ich mich vor einigen Minuten im dichten Schneegestöber ans Geländer geklammert hatte. Ich spürte, wie ein Gedanke aus meinem Abgrund spähte und mich hämisch angrinste: noch vor einigen Tagen hätte ich vermutlich ernsthaft darüber nachgedacht, einfach von dort oben herunter zu springen. Brücke oder Kirchturm: das Resultat wäre dasselbe gewesen. Die Gelegenheit war perfekt – ich war für ein paar Minuten alleine gewesen.

Aber als ich dort oben gewesen war, hatte ich mich einfach nur frei und glücklich gefühlt.

Oh, und ich hatte echt gefroren.

Ich blickte auf Sheldons dunkles Display und machte mich auf den Heimweg. Nach ein paar Schritten drehte ich mich ein letztes Mal zur Turmspitze um.

Sie war hinter Dunst und Schneeflocken verschwunden.

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