Bullets for my Valentine

Nach meinem erfolgreichen Attentat auf die Reste von Mortens und meiner Beziehung verbrachte ich den Rest des Wochenendes in einem merkwürdigen Zustand der Gelassenheit. Ich hatte mit unendlichen seelischen Schmerzen oder zumindest tiefer Verzweiflung gerechnet, und am späten Samstagabend versuchte ich eine stärkere emotionale Reaktion zu provozieren, indem ich darüber zu schreiben begann, wie wir uns kennengelernt hatten, aber außer ein paar Tränen der Wehmut kam nichts.

Einerseits empfand ich diesen Zustand der Normalität als sehr angenehm, andererseits war ich ein kleines bisschen entsetzt darüber, dass mir unser Ende so wenig zu bedeuten schien. War er vielleicht doch nicht der Traummann meines Lebens gewesen? Oder war ich inzwischen emotional so abgestumpft, dass ich keinen Schmerz mehr empfinden konnte?

Den Rest des Wochenendes verbrachte ich mit lernen, lesen und mit explizit ausgewählter Musik statt irgendeiner Zufalls-Playlist von Spotify. Mir war nach Green Day und Metallica, und ich war sehr froh, dass ich so gutmütige Nachbarn habe.

Doch der Tritt ins emotionale Kreuz folgte am Dienstag. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, am Valentinstag, im Büro, kurz nachdem ich meinen Laptop hochgefahren hatte um eine wichtige Präsentation vorzubereiten. Ich dachte an nichts Böses, doch ich muss versehentlich in meinem Gehirn gegen einen unter diversen Trümmern meines kaputten Lebens verborgenen Karton mit Erinnerungen getreten haben. Und die verteilten sich in Windeseile, wie Herbstlaub bei Windstärke 10, in meinem ganzen Kopf.

Morten und ich kichernd im Kino. Morten und ich verträumt und schlemmend bei unserem Lieblings-Italiener. Morten und ich turtelnd und lachend beim ausgiebigen Sonntagsfrühstück. Morten und ich albern tobend am Strand. Morten und ich entspannt auf dem Sofa. Morten und ich verzückt bei unserem ersten Kuss. Morten und ich und unsere wilde erste Nacht, die so unglaublich chaotisch geendet hatte, weil ich mich im Morgengrauen zunächst heimlich verkrümelt hatte – und dann war alles ganz anders und viel schneller viel weiter gegangen als gedacht.

Morten und ich in unserem Lieblings-Café … wir lächeln einander an, erfreuen uns an der Anwesenheit und Nähe des Anderen, schmieden Pläne für den Abend oder das Wochenende oder den Urlaub oder einfach nur für die kommende Nacht … und ich renne einfach weg.

Man nennt so etwas ja gerne eine Achterbahn der Gefühle. Für mich war es eher der Urknall der Gefühle, als würde in meinem Kopf etwas explodieren und 120 Prozent meiner Hirnkapazität beanspruchen. Ich verspürte ein unbändiges Verlangen nach Morten, vorzugsweise nackt und im Bett. Angezogen und in meinen Armen wäre allerdings schon mehr als ausreichend gewesen.

Und ich hatte das alles weggeworfen. Eiskalt und emotionslos.

Zum Glück habe ich verständnisvolle Kollegen, die sich inzwischen an meine Heul- und Schreikrämpfe gewöhnt haben und sie wie üblich mit dem nötigen Humor nahmen.

„Nicht verzweifeln, Anna … ich kriege bei Powerpoint auch immer die Krise!“

Ich konzentrierte mich auf meinen Bildschirm, um nachzusehen, was ich bisher produziert hatte.

„FUCK!“ in Helvetica Bold 240pt ist eindeutig eine zweideutige Botschaft.

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