Erkenntnis? Siekenntnis?

Die Postkarte von „Irene“, so merkwürdig sie mir auch vorgekommen sein mochte, landete noch an demselben Abend an meiner Magnettafel im Flur, so wie jede andere – normale – Karte auch. Und wäre dort vermutlich ebenso schnell in Vergessenheit geraten wie das sonstige Zeug was dort hing. Das war zumindest meine heimliche Hoffnung.

Doch mein Gehirn hat in letzter Zeit einen gewissen Eigensinn entwickelt. Nicht nur, dass es einen verlockenden Abgrund konstruiert hat, in den es mich regelmäßig stürzen lässt, oder dass es nachts meine Albträume und Wahnvorstellungen zu uns ins Bett einlädt, nein, es hat auch – und das ist prinzipiell eine positive Entwicklung – seine früher schon vorhandene Fähigkeit zum logischen Denken optimiert. Diese Tätigkeit erledigt es jetzt teilweise im Unterbewusstsein, was manchmal ganz lustig ist, wenn man über irgendeinem komplizierten Sachverhalt brütet und das Gehirn irgendwann später – wenn man an etwas ganz anderes denkt – mit einer Lösung für das Problem um die Ecke kommt.

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, macht es das auch mit emotionalen Dingen, so dass ich mich immer noch viel zu oft aus heiterem Himmel in einen asozialen Zombie verwandele, aber beim logischen Denken ist das ganz praktisch.

Und so ähnlich lief es mit Irenes Karte auch. Ich wachte am nächsten Morgen auf und dachte: „ER“. Nichts weiter, einfach nur: „ER“. Das war für sich genommen natürlich überhaupt nicht hilfreich, also dachte (haha!) ich mir nichts dabei. Die Uni rief und hielt mich den Rest des Tages auf Trab und damit auch mein Gehirn, aber es muss die ganze Zeit über die dusselige Karte nachgedacht haben.

Das wurde mir innerhalb weniger Minuten bewusst, als ich auf dem Heimweg in meinem Lieblings-Schreibwarenladen einen kurzen Zwischenhalt einlegte, um neue Patronen für meinen Füller zu kaufen. Im Eingangsbereich springen einem förmlich diverse Ständer mit Grußkarten entgegen, aber ich nahm sie zunächst kaum wahr, da ich zielgerichtet die Tintenpatronen ansteuerte. Doch als ich vor dem Regal mit den Füllern, Bleistiften, Anspitzern, Kugelschreibern, Minen und Patronen stand, teilte mir mein Gehirn mit: „ER und SIE – SIE und ER“.

Ich wollte diese sinnlose Information ignorieren, griff mir eine Packung mit schwarzen Patronen und ging zur Kasse, um zu bezahlen. Vor mir waren noch einige andere Kunden dran, und ich schaltete für einen Moment in meinen „leckt mich doch alle“-Modus. Mein Blick schweifte passiv durch den Laden und blieb an einer Kundin hängen, die beinahe meditativ die besagten Grußkartenständer kreisen ließ als würde sie tibetanische Gebetsmühlen drehen. Ich muss sehr lange unfokussiert in ihre Richtung gestarrt haben, als gleichzeitig zwei Informationen an mein Bewusstsein drangen.

„ER und SIE!“, brüllte mein Gehirn so laut, dass ich zusammenzuckte.

„Bitte!?“, fragte die Mitarbeiterin hinter dem Kassentisch, und sie klang etwas ungehalten.

„Äh?“, sagte ich, und ich weiß nicht mehr genau, wen ich damit meinte.

„Kommt noch was dazu?“, fragte die Frau an der Kasse und versuchte ein freundliches Gesicht aufzusetzen.

„Nein … äh … keine Ahnung … ja, doch!“

Ich hatte erneut kurz zu den Grußkarten gelinst. Jetzt hatte ich endlich begriffen, was mein Gehirn mir hatte sagen wollen: Es gab von der Karte, die ich von der mysteriösen Irene bekommen hatte, zwei Varianten!

„Wenn Dir jemand nicht mehr aus dem Kopf geht, dann gehört ER in Dein Herz.“

… und …

„Wenn Dir jemand nicht mehr aus dem Kopf geht, dann gehört SIE in Dein Herz.“

ER in dunkelgrau mit neonpinker Schrift. SIE ebenfalls in dunkelgrau mit neongrüner Schrift. Ansonsten hatten beide Karten dasselbe Design.

Ich stürzte mit einem „Bin sofort wieder da!“ zu den Karten, schnappte mir eine von jeder Version und stand fünf Sekunden später wieder an der Kasse. Eine ältere Dame hinter mir stieß einen verächtlichen Laut aus, aber ich reagierte – anders als üblich – nicht darauf. Stattdessen hörte ich mich die Kassiererin fragen: „Die sind neu, oder?“

„Ja, die haben wir seit dem letzten Wochenende. Exklusiv nur bei uns.“

„Wow!“

„Ja, die sind toll, oder?“

„Äh, ja, absolut!“

Ich bezahlte meine Patronen und die Karten und fuhr nach Hause. ‚Denk nach!‘, rief mein Gehirn. ‚Sei sexy!‘

Warum hatte Irene mir ausgerechnet diejenige Karte geschickt, die auf einen Mann statt auf eine Frau deutete?

Ich versuchte, mich zum logischen Denken zu zwingen. Keine Emotionen. Also kein ‚da ist eine Irene, die sich in mich verliebt hat‘.

Wie hatte neulich ein Dozent gesagt? ‚Formulieren Sie Ihre Fragen präzise, dann beantworten sie sich meistens von alleine!‘

Also stellte ich präzise Fragen.

Hatte sie versehentlich die falsche Karte gegriffen? Möglich, aber unwahrscheinlich, denn beide Varianten steckten direkt übereinander, und das Schreibwarengeschäft war immer tip-top sortiert. Und die Karte konnte sie nur dort gekauft haben. Also war es vermutlich Absicht.

Das führte mich – logisch – zu den nächsten Fragen.

Hielt sie mich für einen Mann? Wohl kaum, es sei denn, sie stammte aus einem Kulturkreis, wo „Anna“ ein männlicher Name wäre, so wie „Andrea“ in Italien.

War sie selbst ein Mann? Möglich, aber die Handschrift war schon sehr ausgeprägt weiblich. Ich habe noch nie einen Mann so schreiben sehen, auch wenn ich schon einige schöne Handschriften von Männern zu Gesicht bekommen habe.

War sie womöglich transsexuell? Das konnte natürlich sein, aber warum hatte sie dann nicht einen anderen Namen verwendet?

Hatte sie mit irgendeinem Satz oder Wort geäußert, dass sie selbst an mir interessiert war? Ich las ihre Karte erneut. „Sei sexy, Anna“ war der einzige Satz, der direkt an mich gerichtet war. Auch ein direkter Gruß fand sich nicht, weder eine Anrede noch eine Grußfloskel, und schon gar keine Liebeserklärung.

Hatte ihr Name eine Bedeutung? Das hielt ich für ziemlich wahrscheinlich, denn die Zitate stammten, wenn auch nicht wortwörtlich, von meinem Lieblingsdetektiv, und Irene war die einzige Frau – die Frau! – gewesen, für die er sich je interessiert hatte.

War sie vielleicht nur … die Überbringerin einer Botschaft?

Wenn ja: Von wem? Was hatte sie dazu gebracht, mir diese Nachricht zu schreiben? Warum hatte er sie nicht selbst geschrieben? Wusste er, dass Irene das getan hatte? Und falls nicht: Hätte er gewollt, dass sie das tut? Hatte er sie beauftragt? Wollte er anonym bleiben? In dem Fall hätte er sie auch selbst schreiben können und einfach nicht zu unterschreiben brauchen.

Ganz schön viele Fragen, die hier plötzlich wie ein bunter Konfettiregen durch meinen Kopf schwirrten.

Ich hatte das dumme Gefühl, dass ich der Antwort schon sehr nahe gekommen war, aber mir waren die Fragen ausgegangen.

Ich hoffe, dass meine unterbewusste Logik die noch fehlenden Fragen findet.

Und die richtigen Antworten.

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4 Gedanken zu “Erkenntnis? Siekenntnis?

  1. Ich hatte ja gleich den Verdacht, dass „Irene“ dich auf „ihn“ aufmerksam machen sollte. „Er, der dir nicht aus dem Kopf geht“ Ja ja, denkst du nun, jetzt kann die das ja behaupten“ 😉
    Werde gespannt verfolgen, wie das mit Irene, dir und – ähm, ihm – weiter geht

    Gefällt 1 Person

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