Déjà vu

Am Wochenende habe ich mein neues Lieblingscafé gefunden. Es befindet sich in einem historischen Lagerhaus im Hafen und ist Café und Rösterei zugleich. Ich gestehe, dass ich ein absoluter Koffeinjunkie bin, und hier wurden diesbezüglich alle meine Sinne befriedigt.

Meine Freundin Sabrina hatte die Location vor ein paar Wochen bei einem Spaziergang mit ihrem Freund gefunden, und jetzt hatte sie Julia und mir ihre neue Entdeckung präsentiert. Ich habe mich sofort verliebt, und auch Julia war absolut begeistert, wir werden also in Zukunft häufiger hier anzutreffen sein.

Doch wie bei mir kaum anders zu erwarten, gab es auch an diesem an sich tollen Tag wieder einen Zwischenfall, der aber glücklicherweise nicht in einer Vollkatastrophe endete.

Wir saßen gerade bei unserem zweiten Kaffee und waren fröhlich in ein belangloses Gespräch vertieft, als ich hinter meinem Rücken eine Stimme vernahm, die mir irgendwie bekannt vorkam.

„Ja, das ist sehr traurig.“

Die anderen Teilnehmer der Unterhaltung konnte ich nicht verstehen, aber es schien sich um eine grundsätzlich empathische Gruppe zu handeln, denn es wurde nicht gelästert oder gespottet.

„So kenne ich ihn gar nicht“, sagte die Stimme jetzt.

Julia und Sabrina waren inzwischen bei der Frage, ob sie noch Kaffeebohnen oder gemahlenen Kaffee für zu Hause mitnehmen wollten, aber ich konnte meine Ohren nicht von der Stimme hinter mir lassen.

„Ich bin am Wochenende immer bei ihm, aber heute ist er seit langer Zeit endlich mal wieder mit seinen Jungs unterwegs.“

Sie hatte so eine warme, freundliche und ruhige Stimme. Ich konnte mir beinahe körperlich vorstellen, wie sie sich um ihren mir unbekannten Freund kümmerte, der unter irgendetwas zu leiden schien. Ich hatte meine Freundinnen, und so wie er mit seinen Jungs unterwegs war, war ich mit ihnen unterwegs, und wir hatten mächtig viel Spaß, auch wenn das Wetter wieder grau, kalt und regnerisch war. Der Kaffee hier war wirklich großartig, und ich würde auf jeden Fall eine kräftige Sorte für meinen Vollautomaten mitnehmen.

„Ja, sie hat ihn inzwischen verlassen. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber sie tut mir noch mehr leid als er. Ich bin ja für ihn da, aber sie hat vermutlich …“

Diese Stimme!

„Anna, möchtest du auch noch einen anderen Kaffee probieren?“, fragte Sabrina in diesem Moment und stand auf.

„Was? Äh. Ja.“ Es ist schwierig, zwei Unterhaltungen gleichzeitig zu folgen, zumal, wenn man von der einen nur die Hälfte mitbekommen hat und von der anderen gar nichts.

„Und welchen diesmal?“

Die Stimme hinter mir war mitten in ihrem letzten Satz verstummt, und ich versuchte krampfhaft, mir ein dazu passendes Gesicht ins Gedächtnis zu rufen. Eine Schauspielerin vielleicht? Aus welchem Film kannte ich sie nur? Das war noch nicht lange her!

„Kaffee. Schwarz.“

„Ja, das habe ich mir beinahe gedacht! Und welche Sorte?“

„Oh, sorry. Den aus Guatemala, bitte.“

Sabrina schüttelte grinsend den Kopf und verschwand Richtung Tresen.

Die Stimme hinter mir schwieg immer noch, auch die anderen Personen in der Gruppe schienen nichts mehr zu sagen. Kannte ich sie aus der Uni? Oder aus dem Büro? Sag noch etwas, bitte, irgendetwas.

Doch die Stimme schwieg.

Sei sexy, Anna! Denk nach! Logik!

Ich hatte eine spontane Eingebung.

Ich zückte mein iPhone und stellte die Kamera in den Selfie-Modus; dann hielt ich sie hoch, als wollte ich ein Foto von mir machen, doch ich beobachtete schon während der Bewegung meines Smartphones auf dem Display, dass auch die Person in meinem Rücken dieselbe Idee zu haben schien, denn auch dort wurde mit irgendetwas hantiert. Ich nahm das Handy also schnell wieder herunter und bedeutete Julia, die mir gegenüber saß und die meine hektischen Bewegungen irritiert zur Kenntnis genommen hatte, dass sie sich nichts anmerken lassen sollte.

Ich öffnete den Messenger und schickte ihr eine Nachricht.

„Guck mal unauffällig: Wie sieht die aus, die genau hinter mir sitzt?“

Julia hatte verstanden und tippte konzentriert auf ihrem Handy herum, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt.

„Blond, lange Haare, interessant geflochten… gut aussehend… rote Jacke neben ihr auf der Lehne… mit zwei Freundinnen da…“

Ich atmete tief durch und sah Julia direkt in die Augen. Sie versuchte, nicht allzu neugierig zu gucken.

„Was ist?“, fragte sie im Chat.

Mortens Neue!”, tippte ich, so schnell meine zitternden Hände es erlaubten.

„Oh!“ Mehr kam nicht zurück.

Sabrina kam mit dem Kaffee, den sie auf einem Tablett vor sich balancierte.

„Anna, du wolltest den aus Guatemala, richtig?“, fragte sie fröhlich und reichte mir eine Tasse, dann bemerkte sie meinen nachdenklichen Gesichtsausdruck und fragte: „Ist alles okay?“

Julia bedeutete ihr, sich neben sie zu setzen, und zeigte ihr unseren kurzen Dialog. Sabrina lachte kurz laut auf: „Das ist ja witzig!“

Ich rollte mit den Augen, denn ich fand das überhaupt nicht lustig, aber als auch Julia anfing zu lachen, konnte ich mich ebenfalls nicht mehr zurückhalten.

Mitten in unser herzhaftes Gelächter drängte sich von hinten eine zaghafte Frage in den Vordergrund: „Anna?“

Mir blieb das Lachen im wahrsten Sinne des Wortes im Hals stecken, ich bekam einen Hustenanfall und schnappte nach Luft. Das war doch … sollte ich darauf reagieren? Die Mimik von Julia und Sabrina, die alles im Blick hatten, was sich hinter mir abspielte, verriet mir, dass ich es vermutlich wagen durfte, zumindest sahen sie weder entsetzt noch peinlich berührt aus.

Also drehte ich mich langsam um und blickte in das freundliche und wirklich hübsche Gesicht von Mortens neuer Freundin. Und genau wie neulich im Kino sah ich Empathie, Mitgefühl und Ehrlichkeit.

„Ich möchte euch nicht unterbrechen“, sagte sie höflich, „aber … Anna, können wir reden?“

Ich war immer noch sprachlos. Worüber sollten wir reden? Dass ich Morten mies behandelt hatte? Das war mir klar, aber das konnte ich jetzt leider nicht mehr ändern. Dass er sich nicht gut … oder … elend fühlte? Das war mir auch klar, aber ich war mir absolut sicher, dass sie ihn glücklicher machen würde als ich es je könnte.

„Ich wüsste nicht worüber“, entgegnete ich schnippischer als nötig, und schob schnell ein gemurmeltes „Tut mir leid“ hinterher.

„Über … Morten.“

„Ich möchte nicht über ihn reden“, sagte ich, jetzt etwas freundlicher, aber trotzdem bestimmt. Ich hoffte, dass sie Verständnis dafür hätte, denn ich spürte, dass ich meine Emotionen nicht mehr lange im Zaum halten konnte.

„Falls doch … bitte … melde dich bei mir.“ Sie kritzelte hektisch ihre Nummer und ihren Namen auf einen Flyer der Rösterei und reichte ihn mir.

Ich hätte nicht schlecht gestaunt, wenn sie „Irene“ geschrieben hätte, aber sie hieß Ida. Das war allerdings immer noch nahe genug dran, dass mein Gehirn wieder etwas zum Nachdenken hatte.

„Bitte … denk darüber nach!“, fügte sie hinzu und lächelte freundlich. Doch dort war noch etwas anderes in ihrem Blick, war es … Schmerz? Oder Leid? Nein, eher Kummer. Kummer und Sorgen. Makeup kann viel verbergen, das weiß ich selbst am besten, aber die Augen verraten trotzdem alles.

„Ich … kann es nicht versprechen.“

„Das verstehe ich.“

Ihre Freundinnen waren zwischenzeitlich aufgestanden und zur Tür gegangen. Sie zog ihre Jacke an, und ich hatte den Eindruck, dass sie es plötzlich eilig hatte. Ohne ein weiteres Wort oder einen Blick zurück verließ sie das Lokal.

Ich hielt immer noch den Flyer mit ihrer Nummer in der Hand. Julia und Sabrina sahen mich ratlos an.

„Was war das denn?“, fragte Julia, als sie sich gesammelt hatte.

„Drama-Queen!“, konstatierte Sabrina. Aber es klang nicht besonders überzeugt, und sie schob schnell hinterher: „Anna, geht es dir gut?“

„Ich brauche jetzt unbedingt einen Kaffee!“ Der aus Guatemala war zwar nur noch warm und nicht mehr heiß, schmeckte aber trotzdem ganz ausgezeichnet.

Ich konsultierte den Kaffeeflyer. Ich würde mir von dem brasilianischen und dem guatemaltekischen je eine Packung für zu Hause mitnehmen.

Zu Hause hängte ich den Flyer an die Magnettafel im Flur. Neben die Karte von „Irene“. Die Handschriften ähnelten sich übrigens … kaum. Allerdings war die Karte, anders als die Notiz auf dem Flyer, auch sehr schön geschrieben.

Ich überlegte kurz, ob ich Idas Nummer in meinem Handy speichern sollte. Nur zur Sicherheit. Falls mir spontan einfallen sollte, sie zu fragen, wie es Morten geht. Aber was sollte mich dazu bringen? Warum wollte sie überhaupt mit mir – mit seiner Ex – über ihren Freund reden? Eine vollkommen absurde Vorstellung, vor allem unter Berücksichtigung der Gegebenheiten.

Als ich in der kommenden Nacht wieder von meinen treuen Freunden, den Albträumen und Wahnvorstellungen, geweckt worden war und planlos durch meine Wohnung tigerte, fügte ich ihre Nummer aus reiner Langeweile doch zu meinem Adressbuch hinzu. Ich hatte eh gerade nichts besseres zu tun.

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11 Gedanken zu “Déjà vu

      1. Aber meine liebe Anna! Das, was du da schreibst hat Romanqualität! Mach das zur Problembewältigung! Die Geschichte ist der Knaller. Ich weiß aber immer noch noch, warum sich Ida Sorgen macht….Im Übrigen bin ich auch eine sehr große Kaffeeliebhaberin, allerdings mit Siebträgermaschine! 🙂

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