Fuck you (Teil 2)

Bitte die Triggerwarnung beachten!

(Fortsetzung von Teil 1)

Das Wochenende hatte sensationell gut angefangen.

Doch in der Nacht zum Sonntag bekam ich unerwarteten Besuch.

Von Morten.

Ich hatte schon fest geschlafen, und plötzlich saß er neben mir auf der Bettkante.

Zunächst war ich verwirrt, doch dann erinnerte ich mich, dass er einen Schlüssel für meine Wohnung hatte, so wie ich für seine. Er war wirklich meine große Liebe gewesen, so wie ich seine gewesen war. Trotzdem frage ich mich schlaftrunken, was ihn dazu gebracht hatte, mich mitten in der Nacht aufzusuchen. Ich richtete mich langsam auf und blinzelte ihn an.

„Hallo, Anna.“ Seine Stimme, oh, sie war so unglaublich liebevoll, dass mir fast die Tränen in die Augen traten.

„Hallo, Morten.“ Meine Stimme klang müde, kraftlos, aber auch erleichtert, froh, glücklich. Mein Morten! Oh, wie habe ich dich vermisst!

„Ich habe gehört, dass es dir wieder besser geht.“ Es klang fröhlich, aber auch … traurig?

„Ja, danke, ich kämpfe mich langsam zurück.“

„Das freut mich.“ Seine Stimme war emotionslos, so kannte ich ihn gar nicht.

„Warum bist du so … kühl?“

„Ich liebe dich.“ Das hatte früher deutlich herzlicher geklungen. Ehrlicher.

„Oh.“

„Und du hast mich betrogen.“

Mir blieb die Luft weg. Was? Betrogen? Okay, ich hatte ihn in den letzten Monaten nicht fair behandelt und ihn ignoriert, weil ich psychisch am Boden lag, aber ich hatte daraus die Konsequenzen gezogen und mit ihm Schluss gemacht, so schmerzhaft das gewesen sein mochte, für mich und auch für ihn. Aber betrogen?

Er grinste.

„Ich habe dich nie …“, protestierte ich.

Weiter kam ich nicht. Seine gestreckte Faust traf mich direkt auf dem Wangenknochen unter dem linken Auge, wodurch ich mit voller Wucht zurück ins Bett geworfen wurde. Der Schmerz ließ mich kurz bewusstlos werden, und ich sah Sterne.

„Du gehörst mir. Und jetzt hole ich dich zurück!“, verkündete er.

Ich erstarrte, als wäre ich in Schnellbinderzement eingegossen worden, während er sich über mich beugte. Ich versuchte, meinen Mund zu öffnen und zu schreien, doch es kam kein Laut heraus.

Und dann vergewaltigte er mich auf brutale Weise, während er wieder und wieder mit der Faust auf mich einschlug und einprügelte.

Ich war unfähig, mich zu bewegen, unfähig zu schreien, unfähig zu weinen. Ich ließ ihn gewähren, nahm eine Außenperspektive an, beobachtete uns, hatte Mitleid mit mir. Und mit ihm.

Wie kann man Mitleid mit jemandem haben, der einen so furchtbar misshandelt?

Irgendwann ließ er von mir ab. Mir tat alles weh, doch ich hatte keine physischen Schmerzen. Ich hatte psychische Schmerzen. Morten, die Liebe meines Lebens, hatte den kläglichen Rest meiner Seele zerstört.

Er ging so leise und wortlos, wie er gekommen war, und schloss lautlos die Tür hinter sich. Ich lag starr in meinem Bett, unfähig mich zu rühren. Unfähig zu trauern.

Irgendwann schlief ich erschöpft ein, oder, besser gesagt, ich fiel in Ohnmacht.

Und schreckte sofort wieder hoch. Schweißgebadet. Tränenüberströmt. Mein ganzer Körper schmerzte, als hätte ich einen Ironman absolviert. Nicht, dass ich das jemals gemacht hätte, aber so ungefähr stellte ich mir das vor.

Ich schaltete meine Nachttischlampe an und betastete ganz vorsichtig mein Gesicht. Meinen Körper. Ich musste schlimm aussehen, ich war bestimmt übersät von blauen Flecken, Prellungen, Platzwunden. Doch: nichts dergleichen. Morten war nicht hier gewesen. Er hatte mich nicht verprügelt, vergewaltigt und misshandelt.

Der Besuch waren meine besten Freunde der letzten Monate gewesen. Meine Alpträume und Wahnvorstellungen.

Ich sah auf die Uhr. Es war kurz nach eins. Ich hatte seit höchstens 30 Minuten im Bett gelegen. 30 Minuten, in denen ich die Hölle durchlebt hatte.

Jetzt kamen die Tränen. Heulkrämpfe. Mein Magen rebellierte, ich stürzte ins Bad und musste mich übergeben, wieder und wieder, bis nur noch Galle und Magensaft kamen, und trotzdem hörte der Kotzreiz nicht auf. Ich klammerte mich an die Kloschüssel, ich zitterte und fror, heulte und schluchzte und würgte und kotzte mir die Seele aus dem Leib und verkrampfte immer mehr. Morten, warum habe ich so einen furchtbaren Alptraum gehabt? Du, mein ein und alles, ich habe dir Unrecht getan und dich aus meinem Leben verjagt wie einen räudigen Hund. Mein einziger Trost war, dass er inzwischen eine charmante, liebevolle, treu sorgende und empathische neue Freundin hatte. Ida. Als ich an Morten und Ida dachte, beruhigte ich mich ein wenig, der Brechreiz ließ nach, ebenso der Schmerz, aber nicht die Trauer um Morten.

Manchmal kann man nur verlieren.

Irgendwann schlief ich ein, an das WC gelehnt, auf dem Fußboden im Bad, nur gehüllt in meinen Schlafanzug und ein Badetuch, das ich mir gegen die Kälte um den Körper geschlungen hatte.

Ich wurde geweckt vom Klingeln meines iPhones. Ich blinzelte; draußen dämmerte es, aber ich hatte keine Ahnung, ob es Morgen oder Abend war. Mir tat alles weh, mir war kalt, ich hatte rasende Kopfschmerzen. Ich versuchte aufzustehen, was mir nicht gelang, und kroch wie ein angeschossenes Tier in Richtung Schlafzimmer, wo mein Telefon auf dem Nachttisch lag. Es hörte auf zu klingeln, als ich noch auf dem Flur war, trotzdem schleppte ich mich weiter bis zum Bett. Schlafen. Einfach nur schlafen. Ich rollte mich aufs Bett und hatte gerade mit letzter Kraft die Decke über mich gezogen, als das Telefon erneut klingelte.

Fuck.

Ich wollte es ignorieren und einschlafen, als mir einfiel, dass ich mit meinen Freundinnen vereinbart hatte, dass wir uns jederzeit anrufen sollten, wenn etwas wichtiges wäre. Ansonsten täte es außerhalb der üblichen Zeiten auch eine Messenger-Nachricht.

Der Klingelton war der von Julia. Und sie hatte schon mehrfach angerufen.

Ich tastete im Dämmerzustand nach dem iPhone und ging ran, ohne die Augen zu öffnen.

„Hmmm?“ Zu mehr wäre ich auch bei größter Anstrengung nicht in der Lage gewesen.

„Anna?“

„Hmmhm?“

„Hier ist Julia.“

„Hmmm.“

„Anna, geht es dir gut?“

„Ne.“ Mein erster Vokal des Tages.

„Oh shit. Brauchst du was?“

„Schlfn.“ Geht auch ohne Vokale. Komm zum Punkt, Julia, und lass mich pennen!

„Oh … kay. Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“

„Hmm.“

„Es geht um Morten.“

„Hm.“ Morten war mir gerade sowas von scheißegal. Er konnte nichts dafür, dass ich vorhin diesen Alptraum gehabt hatte, den schlimmsten seit … damals, nachdem ich … als ich im Krankenhaus lag. In der ersten oder zweiten Nacht hatte ich einen noch schlimmeren Traum mit ihm gehabt. Ich hatte die ganze Station zusammengebrüllt, und im Anschluss war es mit mir weiter und schneller abwärts gegangen als ich es mir je hätte vorstellen können. Der Abgrund hatte sich zum ersten Mal aufgetan, und es war die Befürchtung geäußert worden, dass ich den Rest meines Lebens ein geistesgestörter Pflegefall hätte bleiben können. Man hatte einen freundlicher klingenden Begriff dafür gehabt, aber mir war klar gewesen was die Diagnose bedeutet hätte.

Morten traf keine Schuld an alldem. Irgendetwas war in meinem Kopf falsch gepolt seit jenem Abend im Oktober.

Und jetzt rief Julia mich an, nur weil sie mir irgendetwas über Morten erzählen wollte?

„Hast du gehört, Anna?“

„Hmmhm.“

„Ich wollte nur dass du es weißt.“

„Hm?“ Was wissen? Hatte sie etwas gesagt? Ich war vermutlich kurz weggedämmert.

„Anna, hast du mich verstanden? Morten ist im Krankenhaus!“

„Huh?“ Im Krankenhaus war ich auch gewesen. Mehrmals. Ich hatte nicht gewollt, dass er mich besuchen kommt, nicht gewollt, dass er mich so sieht. So verzweifelt und so … vernichtet.

„Er hatte einen schweren Unfall und liegt auf der Intensivstation. Es …“ Ihre Stimme versagte, oder war es meine Wahrnehmung?

Unfall? Intensivstation? Das war unmöglich, er war doch in dieser Nacht hier gewesen … oder? Nein, das war nur ein böser Traum gewesen. Dann war Julias Anruf bestimmt auch nur ein Traum.

Ich legte auf und drehte mich um. Schlafen. Schlafen. Schlafen.

Doch an Schlaf war nicht zu denken. Der Abgrund tat sich auf, so tief und finster wie seit Wochen nicht. Eine furchtbare Gewissheit legte ihre kalten Hände um meinen Hals, drückte zu, so dass ich keine Luft mehr bekam, und zog mich in die Tiefe. Die Gewissheit, die absolut sichere Gewissheit, dass Morten sterben würde. Und ich mit ihm.

Als ich in die Realität zurückkehrte, war es draußen taghell. Die Schmerzen waren immer noch unerträglich. Einer meiner ersten Gedanken galt Morten, und ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Zum Glück, wenn man das so sagen kann, habe ich inzwischen Übung mit Tagen, an denen ich nichts mache als zu heulen und in seelischem Schmerz zu schwimmen. Man kann sich daran gewöhnen. Die Umgebung hat größere Schwierigkeiten damit.

Ein kurzer Blick auf mein Smartphone machte alles noch viel schlimmer. Es war kurz nach zwei am Nachmittag, Julia hatte mich gegen 7 Uhr morgens angerufen und danach einige Nachrichten geschickt, unter anderem mit der Information, in welchem Krankenhaus Morten lag und dass sein Zustand kritisch sei. Er war am Samstagnachmittag auf dem Fahrrad mit einem Auto zusammengeprallt, das ihm die Vorfahrt genommen hatte, und ohne Helm hätte er den Unfall auf keinen Fall überlebt.

Ich schaltete auf Autopilot und quälte mich aus dem Bett. Aus dem Badezimmerspiegel starrte mir ein leichenblasser Zombie mit roten Augen und schwarzen Augenringen entgegen. Und seit wann hatte ich so eine komische Haarfarbe? Ach ja, seit gestern, viele Jahre ist das her. Viel zu bunt.

Nicht wieder ins Bett gehen. Und auf keinen Fall auf den Balkon, das würde ich nicht überleben. Kaffee, schwarz. Dusche, kalt. Schmerztabletten, zwei, drei. Kaffee, schwarz. Anziehen, schwarz. Makeup, nutzlos. Kaffee, schwarz.

Schuhe, Jacke, Handy, Schlüssel, Handtasche. Sonnenbrille. Die Sonne strahlte vollkommen unpassend von einem beinahe wolkenlosen Himmel, außerdem hatte ich Augenringe bis zum Kinn und wollte Rücksicht auf meine Mitmenschen nehmen.

Bus. Bahn. Bahn. Bus. Fußweg. Hier hatte ich damals auch gelegen, auf der Intensivstation, ich kannte den Weg.

Anmeldung. „Sie werden Geduld haben müssen und können dann auch nur kurz zu ihm.“ Schleuse. Wartebereich. Warten. Lange warten. Noch länger warten.

Meine Gedanken liefen Amok. Warum war ich eigentlich hier? Zwischen ihm und mir war es aus, ich war nicht mehr seine Freundin. Doch was wäre, falls er … stirbt? Wenn der Gedanke schon für mich unerträglich war, wie musste sich dann Ida fühlen, seine Freundin? Sie litt bestimmt Höllenqualen, sie war so ein einfühlsamer und empathischer Mensch. Ich heulte einfach noch ein bisschen, das machte es nicht besser, aber ich hatte gerade nichts anderes zu tun.

Nach über einer Stunde durfte für ein paar Minuten ich zu ihm. Mit grünem Einwegkittel, Handschuhen und Haube. Die Gefahr sei zu groß, dass eine Infektion seinen geschwächten Kreislauf überlasten würde.

Zuerst dachte ich, ich sei im falschen Raum. Ein blaugrünes geschwollenes Gesicht unter einer Atemmaske, ein aufwändiger Verband um den Kopf, dutzende Kabel und Schläuche zu diversen Geräten, Ampullen und Flaschen, der linke Arm geschient, ebenso das linke Bein. Als wäre er unter einen Lastwagen geraten, dachte ich, und verfluchte mich innerlich für meinen Zynismus. Er schien zu schlafen, aber genauso gut hätte er tot sein können. Nur die kaum wahrnehmbaren Atembewegungen unter der Bettdecke und die Kurven auf dem EKG deuteten an, dass er noch lebte.

Mir stockte der Atem, und ich schlich langsam zum Bett hinüber, als hätte ich Angst davor, dass eine hastige oder unbedachte Bewegung ihn umbringen könnte. An der rechten Hand ragten die Finger aus einem Verband heraus, sie waren nur leicht zerkratzt, ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie der Rest seines Körpers aussah; ich strich ganz sanft mit meinen behandschuhten Fingerkuppen über seine blassen Finger und war erleichtert, dass er sich nicht kalt anfühlte. Ich lauschte dem beruhigenden Blubbern des Sauerstoffs und dem gleichmäßigen Piep-Piep-Piep des EKGs. Puls 60. Wie ein Uhrwerk.

„Sie können gerne noch ein paar Minuten bleiben, bis der Arzt kommt“, sagte eine Schwester, die kurz hereinschaute.

„Danke“, murmelte ich, aber sie war schon wieder ebenso lautlos verschwunden wie sie aufgetaucht war.

Ich stand wie angewurzelt neben seinem Bett, streichelte vorsichtig seine Finger und redete ganz leise mit ihm, als ob er mich hören könnte.

„Das tut mir so unendlich leid. Ich würde alles geben, damit du wieder gesund wirst.“ Dabei rannen mir Tränen über die Wangen und tropften dunkel auf meinen blassgrünen Kittel. „Ich bin nur froh, dass Ida für dich da ist. Grüß sie von mir, ich wünsche euch ganz viel Kraft.“

„Sind Sie mit ihm verwandt?“, fragte die Krankenschwester, die wieder in das Zimmer gehuscht war.

„Nein … äh … ja. Ich bin seine … Cousine.“

„Das freut mich, dass er so eine große Familie hat.“

„Wer war denn schon hier?“

„Oh, eine andere Cousine. Und seine Eltern sind auch auf dem Weg nach Deutschland.“

Ja, die Anreise aus Norwegen ist weit. Er hatte mit seinen Eltern ähnliches Glück wie ich mit meinen, das waren wirklich tolle Menschen. Aber welche Cousine? Ich beschloss, meine Tarnung nicht auffliegen zu lassen und lenkte meine nächste Frage in eine andere Richtung.

„War seine Freundin schon hier?“

„Kann ich nicht sagen, aber ich habe meine Schicht auch erst heute Mittag angefangen. Oh, da kommt der Arzt. Sie müssen jetzt leider gehen.“

Ein älterer, ziemlich unfreundlich wirkender Herr betrat den Raum, ignorierte mich, ließ sich von der Schwester die Akte reichen, kritzelte ein paar unleserliche Zeichen hinein und sagte zu ihr: „Schweres Schädel-Hirn-Trauma, aber das Schlimmste ist überstanden. Wir behalten ihn noch ein paar Tage im künstlichen Koma. CT und MRT ohne Befund.“

Dann wandte er sich an mich, fixierte mich mit eisigem Blick und fragte: „Und sie sind?“

„Ich bin die E … äh … die … Cousine.“ Ich war total perplex und hätte unter normaleren Umständen vermutlich gefragt, was „das Schlimmste ist überstanden“ bedeutete oder „künstliches Koma“, aber er redete einfach weiter: „Sehr schön, Familie wird gut für ihn sein, wenn er wieder aufwacht. Spätfolgen sind vermutlich nicht zu erwarten. Er wird aber ein paar Wochen brauchen. Auf Wiedersehen!“

Und, zack, war er wieder draußen.

Ich fühlte … nichts. Unendliche Leere.

Die Schwester wechselte einen Tropf. „Klingt, als wäre das Schlimmste überstanden. Aber leider müssen Sie jetzt trotzdem gehen. Kommen Sie gerne jeden Tag wieder, wenn Sie es einrichten können, es ist schön, wenn er ein bekanntes Gesicht sieht.“

Ob es unbedingt meins sein sollte? Da war ich mir nicht sicher.

Ich verabschiedete mich, verließ die Intensivstation und tappte kraftlos wie ein paralysiertes Kaninchen in Richtung Ausgang. Ein. Schritt. Nach. Dem. Anderen.

Was für ein beschissener Tag. Ich würde Mortens Anblick zwischen all den Kabeln, Schläuchen und Geräten nie vergessen. Mein … der starke Morten. Der sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Der sich jeder Herausforderung stellte. Der mir … der seiner Freundin immer unendlich viel Kraft gab.

Meine Tränen liefen immer noch und würden vermutlich auch nicht mehr versiegen. Ich würde bis ans Ende meines Lebens heulen. Mein einziger Trost war, dass er eine so großartige Freundin wie Ida hatte. Ich hatte bei beiden Begegnungen mit ihr eine große innere Ruhe und Kraft gespürt, und sie würde mit Sicherheit alles geben, damit er wieder vollkommen genesen würde.

Vielleicht sollte ich sie anrufen und ihr Trost spenden. Ich hatte ihre Nummer, aber für einen Anruf reichte meine Kraft nicht. Für eine Nachricht würde ich vielleicht genug Mut aufbringen. Nur dass sie wusste, dass ich mich ebenfalls um ihn sorgte, auch wenn ich nur seine Ex war. Geteiltes Leid, und so weiter.

„Hallo Ida, ich habe gehört was mit Morten passiert ist. Es tut mir unendlich leid, und ich wünsche euch alle Kraft der Welt in dieser schweren Zeit. Anna.“

Senden.

Das tat gut, so viel Empathie hatte ich mir gar nicht zugetraut. Ich beschleunigte meine Schritte. Ab sofort würde ich Morten jeden Tag besuchen, zumindest so lange er noch im Koma lag. Wenn ich dabei Ida begegnen sollte, würden wir uns schon vertragen. Sie hatte mich ja erst vor kurzem darum gebeten, dass ich mich bei ihr melden sollte. Vielleicht war das so etwas wie Vorsehung gewesen.

Ich trat ins Freie und setzte meine Sonnenbrille auf. Zum Bus ging es geradeaus, seitlich lagen die Parkplätze. Aus dem Augenwinkel nahm ich ein Pärchen wahr, sie gingen langsam nebeneinander her auf das Krankenhaus zu. Er hielt sie wie ein Beschützer mit beiden Armen eng umschlungen, und sie weinte leise in seine Schulter. Ein Krankenhaus ist ein Schauplatz für echte menschliche Tragödien.

Etwa zwanzig Meter von mir entfernt blieben beide stehen, sie schluchzte laut auf, und er nahm sie tröstend in die Arme und küsste sie. Sie erwiderte seine Umarmung und seinen Kuss und strich ihm liebevoll über den Kopf. Ein angedeutetes Lächeln huschte über ihr tränenüberströmtes Gesicht, und mein Gesicht versteinerte in der Erkenntnis, die mich wie ein Faustschlag in die Magengrube traf.

Ich kannte sie.

Ihr traumhaft schönes Gesicht.

Ihre kunstvoll auf dem Oberkopf geflochtenen Haare.

Ida.

Mortens Freundin.

Die hier, auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus, in dem er auf der Intensivstation im Koma lag, mit einem anderen Typen rumknutschte. Wäre ich nicht so unsagbar traurig gewesen, wäre ich vermutlich komplett ausgerastet. So ließ ich einfach meinen Tränen freien Lauf, wandte mein Gesicht ab, so dass sie mich nicht erkennen konnte, und eilte zum Bus.

Armer Morten. Er ringt um sein Leben, und seine neue Freundin betrügt ihn. Manchmal kann man gar nicht so viel essen wie man kotzen möchte.

Auf dem Weg nach Hause wurde mir so unglaublich übel, dass ich zwischendurch die Bahn verlassen musste, um an die frische Luft zu gehen. Es erschien mir als valide Option, meinem sinnlosen Leben ein Ende zu setzen. Zum Glück befand sich keine geeignete Brücke in der Nähe, sonst wäre ich vermutlich tatsächlich gesprungen.

Stattdessen setzte ich mich auf eine Bank an einer Bushaltestelle und betrachtete das sinnlose Treiben meiner Umwelt durch meine tränenverschleierten Augen, ohne es richtig wahrzunehmen. Meine Sinne schalteten auf Durchzug, und ich wäre bereit gewesen, mich dem Abgrund hinzugeben, doch zu meiner Verwunderung blieb ich auf Autopilot.

Mein Gehirn löste im Hintergrund vermutlich irgendwelche abstrakten Aufgaben für die Uni oder berechnete ein paar sinnlose Statistiken fürs Büro. Vielleicht dachte es auch über die letzten beiden Tage nach, gestern war noch alles perfekt gewesen, und seit letzter Nacht war eine Katastrophe nach der anderen über mich hereingebrochen. Sollte mein Hirn sich doch den Kopf zerbrechen, ich ließ es gewähren und starrte leise wimmernd vor mich hin.

Irgendwann klopfte mein Unterbewusstsein allerdings an die Hirnrinde. ‚Ach, Fuck, lass mich in Ruhe!‘, schrie ich es an, und die Reaktion der anderen Leute um mich herum, die einfach nur auf ihren Bus warteten, ließ mich vermuten, dass ich nicht nur innerlich gebrüllt hatte. Einige guckten irritiert, um sich dann peinlich berührt abzuwenden, nur eine Frau sah etwas länger zu mir herüber. Ich befürchtete, dass sie mir irgendeine Form von Hilfe anbieten könnte, und schreckte sie mit meinem bewährten ‚Ach leck mich doch!‘-Gesicht ab. Erfolgreich.

Dafür überrumpelte mich mein Unterbewusstsein und lieferte seine Nachricht ab. Die Frau trug eine rote Jacke, genau so eine wie Ida neulich getragen hatte. Und das löste eine spontane Flut an Erkenntnissen aus. Ich hatte gestern in Jakobs WG im Flur, bei unserem vielversprechenden Abschiedskuss, einige zu dem Zeitpunkt vollkommen bedeutungslos erscheinende Details wahrgenommen. Eine mir sehr bekannt vorkommende Jacke an der Garderobe. Rot. Ein buntes, fröhliches Namensschild an einer der Türen. ‚Ida‘. Ein Foto von einer WG-Party an der Pinnwand, auf dem eine fröhlich in die Kamera lachende Gruppe abgebildet war. Die Blondine in der Mitte hatte ausgesehen wie Mortens … was war Ida jetzt eigentlich? Ebenfalls seine Ex, so wie ich?

Und wenn sie tatsächlich eine Mitbewohnerin von Jakob war, würde ich ihn definitiv nicht wiedersehen können. Ich könnte für nichts garantieren, wenn ich ihr über den Weg liefe, dieser … Schlampe.

Ein weiterer Gedanke nahm im dichten Nebel meines Gehirns Formen an, ein Gedanke so furchtbar und so abstoßend, dass ich ihn nicht wahrhaben wollte, ihn mit aller Kraft zu zerstören versuchte, aber es gelang mir nicht. Allein die Vorstellung, dass auch nur Bruchstücke davon der Wahrheit entsprechen könnten, ließ mein Herz zu Eis gefrieren.

Was, wenn Mortens Unfall kein Unfall gewesen wäre?

Was, wenn er aus irgendeinem Grund nicht mehr hätte leben wollen?

Was, wenn Ida ihn verlassen hätte und das der Anlass für seinen … Unfall gewesen wäre?

Und, schließlich: Was, wenn meine Trennung von ihm die Ursache all dessen gewesen wäre?

Das wäre so unglaublich furchtbar, dass ich nie wieder in meinem Leben so etwas ähnliches wie Glück oder Freude empfinden könnte.

Ich stand auf und schleppte mich kraft- und mutlos nach Hause. Unterwegs setzte ich einen Hilferuf an meine Eltern und meine Freundinnen ab, den ersten seit vier Monaten. Ohne sie würde ich das hier nicht überleben.

Als ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen hatte, gab ich mich dem Abgrund hin. Irgendwann am Montag kroch ich wieder daraus hervor. Meine Mutter, Julia und Sabrina hatten sich inzwischen abwechselnd um mich gekümmert.

Ich lebte noch, fühlte mich aber innerlich tot.

Und Morten?

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9 Gedanken zu “Fuck you (Teil 2)

  1. Wow, ich weiß auch nicht was ich sagen soll… Mir ist beim lesen öfter der Atem geblieben. Ganz viel Mitgefühl für dich! ❤
    Und nur eine Frage: (vielleicht auch etwas dämlich) Aber bist du sicher, dass Ida Mortens Freundin ist und nicht vielleicht eine Verwandte von ihm?

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank für deine mitfühlenden Worte! Ich weiß inzwischen gar nicht mehr wo mir der Kopf steht und was ich machen soll …
      Dämliche Fragen gibt es nicht 😉 Vielleicht sollte ich versuchen, das herauszufinden, das würde einiges erklären (und auch einfacher machen). Ich mache momentan vermutlich alles viel zu kompliziert …

      Gefällt 2 Personen

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