Chaostage (Teil 2)

(Fortsetzung von Teil 1)

Am Freitag Nachmittag begegnete ich Ida. Ich hatte vorher kaum darüber nachgedacht, wie ich auf diese Situation reagieren sollte, hatte mir aber vorgenommen, sie weitgehend zu ignorieren und notfalls mit meinem Leck-mich-Gesicht zu verschrecken. Doch es kam anders.

Sie betrat den Warteraum in der Intensivstation, wo ich bereits ausharrte. Ihre Augen waren gerötet, ihr Gesicht blass, ihr sonst so warmer und freundlicher Blick glasig und leer, ihre Schritte schwer und kraftlos, ihr Rücken gebeugt, als würde sie eine schwere Last tragen, selbst ihre Haare, die sie sonst immer kunstvoll geflochten hatte, waren nur zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden und wirkten matt und kraftlos. Sie sah mich, kam langsam auf mich zu und umarmte mich einfach. Dann kamen ihr die Tränen.

„Oh, Anna, ich bin so unglaublich froh, dass du da bist!“, heulte sie leise in mein Ohr.

Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte, und blieb für ein paar Sekunden so starr und unbeweglich wie an Mortens Bett. Doch meine innere Stimme rief, und sie rief so, dass nur ich es hören konnte: ‚Nun mach schon!‘

Also erwiderte ich Idas Umarmung und sagte: „Es wird alles wieder gut.“ Ich glaubte zwar nicht daran, hatte aber das Gefühl, dass es sie trösten würde.

„Oh ja, das hoffe ich auch. Und das wird es auch, denn du bist da, und Morten braucht dich!“

Ausgerechnet mich? Du warst ja wohl die Letzte, die ihn verlassen hat. „Ja, ich bin da.“

Kurz später durften wir zu ihm, er lag weiterhin im Tiefschlaf, mit blauen und grünen Flecken im Gesicht, die langsam dunkler wurden, mit Verbänden, Schienen, Schläuchen und Kabeln, mit Flaschen und Geräten, und mein erster Gedanke war: Wenn er jetzt doch noch stirbt, bin ich wenigstens nicht alleine mit ihm. Wie furchtbar, überlegte ich, dass ich ausgerechnet so etwas denken konnte!

Ida streichelte sein Gesicht, flüsterte ihm etwas ins Ohr, zupfte seine Decke zurecht, befühlte seine Stirn und hockte sich dann neben ihn, wobei sie ihn ansah und seine Fingerspitzen sanft zwischen den ihren rieb, als würde sie ihm dadurch etwas mitteilen oder ihm Energie zuführen. Ich stand ratlos und reglos da und fühlte mich vollkommen nutzlos und überflüssig.

„Es wird alles gut, Anna ist hier“, sagte sie in normaler Lautstärke, als wäre er wach und könnte sie hören.

Ich sagte nichts und versuchte nichts zu denken.

Nach einer Stunde gingen wir wieder, schlurften schweigend nebeneinander her aus dem Krankenhaus und Richtung Bushaltestelle. Von ihrem neuen Freund war nichts zu sehen.

„Morten hat sich wirklich Sorgen um dich gemacht“, sagte Ida plötzlich.

„Oh.“ Ich hatte mir das beinahe gedacht. Aber woher wusste sie das?

„Du warst seine erste und einzige wirklich große Liebe.“

„Ida?“

„Ja?“

„Ich möchte das nicht hören.“

„Oh …“

„Ich weiß nicht, ob ich ihn noch besuchen werde, wenn er wieder wach ist.“

„So schlimm?“

„Schlimmer. Viel schlimmer.“

„Du musst dir keine Vorwürfe machen.“

Ich hätte ihr gerne zugestimmt, aber ich musste etwas anderes in Erfahrung bringen. „Morten und du … wie seid ihr … ?“, druckste ich herum.

„Oh!“, lachte sie, „Das ist anders als du vermutlich denkst.“

Ich wusste selbst nicht, was ich dachte. „Ich weiß nur, dass ihr eine Zeit zusammen gewesen seid.“

„Ja, aber nicht nach dir, sondern schon vor vielen Jahren. Wir sind angeheiratet verwandt, meine Mutter hat Mortens Onkel geheiratet, als ich noch ganz klein war.“

„Also bist du seine Cousine?“

„Sagt man Stiefcousine? Meine kleine Halbschwester ist seine Cousine.“

„Und trotzdem wart ihr ein Paar?“

„Ja, für ein paar Wochen, in den Ferien. Wir waren fünfzehn und dachten, dass wir wirklich verliebt waren, und es war … unglaublich toll. Wir haben … Wie auch immer. Unsere Eltern dürfen das nie erfahren.“

„Und warum …“

„Oh, wir haben festgestellt, dass wir lieber beste Freunde sein sollten.“

„Ach so.“

„Und das sind wir seitdem auch.“

Wie schön für die beiden. „Hm.“

„Anna?“

„Ja?“

„Darf ich fragen, warum du nicht mehr mit Morten zusammen sein möchtest?“

„Nein … Ja … Ich … Ich weiß es selbst nicht.“ So ehrlich wollte ich sein. „Vermutlich weil ich mit mir selbst so viele Probleme habe.“

„Das ist sehr schade.“

Das sah ich genauso, aber ich konnte nichts dagegen tun.

Der Bus kam, und während der Fahrt redeten wir nicht mehr viel.

Zu Hause kam ich mir unglaublich überflüssig vor. Die Woche war angefüllt gewesen mit Uni und Arbeit und Besuchen bei Morten, ich war seit dem vorigen Wochenende nicht mehr laufen gewesen und hatte auch sonst keinen Sport gemacht. Und obwohl das Wetter furchtbar war, zog ich meine Laufsachen an und rannte wie von Sinnen eine dreiviertel Stunde durch die Stadt.

Danach – und nach einer heißen Dusche – ging es mir nicht besser, im Gegenteil, ich war unglaublich frustriert und gelangweilt.

Also zückte ich mein iPhone und wischte gleichgültig durch meine Flirt-App, in der sicheren Gewissheit, dass mich das noch mehr anöden würde und ich dann genervt ins Bett gehen könnte. Ist man eigentlich ein schlechter Mensch, wenn man mit sich selbst, um es sehr freundlich auszudrücken, unzufrieden ist, und das mit dem Gedanken an Sex mit einem Unbekannten zu kompensieren versucht?

Doch manchmal macht das Leben was es will und durchkreuzt jeden miesen Plan.

Der erste Kandidat fiel eindeutig nicht mein Beuteschema. Hässlich wie die Nacht.

Der zweite war schon besser, trotzdem wischte ich ihn genervt weg.

Der dritte war … Niklas. Mein Schulfreund, dem ich am Jahresanfang so leidenschaftlich in die Arme gelaufen war.

(Fortsetzung in Teil 3 und Teil 4)

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2 Gedanken zu “Chaostage (Teil 2)

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