Chaostage (Teil 4)

Bitte die Triggerwarnung beachten!

(Fortsetzung von Teil 1, Teil 2 und Teil 3)

Den Rest des Tages und die halbe Nacht hatte ich das Gefühl, dass das alles nicht echt war. Mein ganzes bisheriges Leben ergab keinen Sinn mehr für mich. Noch vor ein paar Tagen war ich, obwohl ich mit ihm Schluss gemacht hatte, der festen Überzeugung gewesen, dass Morten der beste Mann war, der mir jemals über den Weg gelaufen war – oder jemals laufen würde. Und als er wieder aus dem Koma erwacht war, hatte ich überhaupt nichts mehr für ihn empfunden. Wenn ich schon nichts für diesen großartigen Menschen empfinden konnte, wie sollte ich dann überhaupt wieder jemanden lieben können?

Ich hasste mich selbst, was mich allerdings nach den Ereignissen der letzten Zeit nicht mehr sonderlich überraschte.

Ich fiel erst am frühen Sonntag Morgen für ein paar Stunden in einen unruhigen Schlaf und fuhr dann erneut zu Morten, der allerdings wieder schlief. Ich gab ihm einen vorsichtigen Kuss auf die Wange, woraufhin er leicht seufzte. Ich würde vermutlich so bald nicht wiederkommen. Ob es am nicht können oder nicht wollen lag, war dabei vollkommen irrelevant.

Dann bereitete ich mich auf Niks Besuch vor. Ich hatte eigentlich überhaupt keine Lust mehr ihn zu sehen und war alle paar Minuten drauf und dran, ihm abzusagen. Andererseits spürte ich, dass ich mich ihm gegenüber nicht verstellen musste. Egal wie asozial oder gestört ich wäre, er würde es verstehen und mich nehmen wie ich war. Haha. Lustig. Nicht.

Ich stieg unter die Dusche, griff tief in die Makeup-, Duft- und Styling-Kiste, zog mir schöne Unterwäsche (wobei … ich habe nur schöne Wäsche, aber für diesen Anlass wählte ich etwas Besonderes aus), dunkle Overknee-Strümpfe, einen kurzen Rock und ein wirklich cooles Langarm-Shirt an, und … wusste instinktiv, dass es gut werden würde.

Und es wurde noch besser.

Muss man sich eigentlich schämen, wenn man sich selbst nicht mag und vor lauter Frust einen guten Freund mit gutem Essen davon überzeugt, mit einem ins Bett zu gehen?

Wir verbrachten dort nach einem leckeren Omelett mit Räucherlachs und Salat – meiner ersten richtigen Mahlzeit seit einer Woche – den ganzen Nachmittag, wechselten zwischen küssen, umarmen, knutschen, fummeln, vögeln, erzählen, zuhören, heulen, lachen, kichern, trauern, weinen, anschmiegen, kuscheln, lecken, streicheln, trösten und noch mehr vögeln und heulen hin und her.

Zwischendurch erzählte ich ihm alles, was mir in den letzten Monaten zugestoßen war. Wirklich alles, mit allen furchtbaren Details, die ich bisher noch niemandem erzählt habe und die ich vermutlich mit ins Grab nehmen werde. Von den katastrophalen Tiefschlägen im letzten Jahr bis zu den Ereignissen mit Morten und Ida in den letzten Tagen.

Und Nik erzählte mir von seinem Schicksal.

Sein Leben hatte vor etwas über einem Jahr eine dramatische Wendung genommen: seine Freundin war urplötzlich und ohne Vorwarnung gestorben. Einfach so. Tot umgefallen. Ursache war ein Aneurysma im Kopf, das ist eine geweitete und dadurch geschwächte Arterie. Diese Ader ist bei seiner Freundin geplatzt, sie sagte nur: „Ich habe solche Kopfschmerzen …“, und er fing sie auf, bevor sie auf dem Boden aufschlug, aber da war bereits alles zu spät. Mit 21. Topfit. Bildschön. Superschlau. Lebenslustig. Eine echte Frohnatur. Kerngesund, bis auf dieses beschissene Aneurysma. Tot. Aus. Vorbei. Endgültig.

Nach so einem Unglück fragt man sich unwillkürlich, wie jemand das überstehen kann. Oder will. Nik hatte nicht mehr gewollt, aber durch einen absurden Zufall erhielt er eine Woche nach ihrem Tod eine Mail von ihr, die durch einen technischen Fehler irgendwo unterwegs festgesteckt hatte. Und darin hatte sie – neben den üblichen kleinen Liebesbekundungen, die sie sich so oft geschickt hatten – einen Satz geschrieben, der ihn am Leben hielt: ‚Ich liebe dich bis ans Ende aller Tage – und darüber hinaus :*‘

Nur wegen dieser einen Mail von ihr, die ihn unter normalen Umständen noch vor ihrem Tod erreicht hätte, hatte er beschlossen, dass er weiter leben wollte.

Und ich hatte immer gedacht, dass es mir beschissen ging.

Ohne den leidenschaftlichen und hemmungslosen Sex zwischen all unseren furchtbaren und traurigen Berichten hätte ich es nicht ausgehalten. Wobei das eine vollkommen surreale Situation war: wir unterhielten uns über den Tod, Gewalt und schwere Verletzungen, heulten uns die Seele aus dem Leib – und dann fielen wir wieder übereinander her wie die Kaninchen.

Ich habe noch nie in meinem Leben so emotional und mit allen Sinnen gefickt wie an diesem verregneten und stürmischen Nachmittag mit Niklas. Draußen vor dem Fenster ging die Welt unter, und in meinem Bett versuchten wir, uns gegenseitig zu bestätigen, dass die Welt nicht nur aus Finsternis und Katastrophen bestand.

Ich habe schon von Paaren gehört, die sich gestritten haben und dann zur Versöhnung ins Bett gegangen sind. Das hier war vermutlich so ähnlich, nur dass wir beide einander fickten, weil wir uns mit unserem eigenen Leben versöhnen wollten.

Und so wie es bei zerstrittenen Paaren vermutlich oft keine langfristige Besserung der Beziehung durch Sex gibt, war die positive Wirkung zumindest bei mir auch nicht von langer Dauer.

Nach viel Schweiß und noch mehr Tränen, nach viel Lust und noch mehr Traurigkeit schlief ich in Niks Armen ein; wir lagen eng aneinander geschmiegt unter meiner großen Bettdecke, und ich konnte seinen sanften Atem und seinen ruhigen Puls spüren. Er roch nach Schweiß und Sex, aber ich empfand seinen Geruch als sehr angenehm. Mein letzter Gedanke, bevor ich einschlief, war, dass ich mir durchaus vorstellen konnte, mit ihm zusammen zu sein.

Aber nicht in unserer derzeitigen Situation. Wir hatten nur miteinander geschlafen, weil wir beieinander Trost gesucht hatten, nicht weil wir verliebt waren.

Als ich ein paar Stunden später wieder aufwachte, war Niklas verschwunden. Kaum wahrnehmbare Spuren seines Geruchs hingen noch als schöne Erinnerung in der Decke. Ich atmete mit geschlossenen Augen tief ein, in der Hoffnung, ihn dadurch zurückholen zu können, und dachte dabei an seinen Schwanz, was mir ein wohliges Kribbeln durch den Unterleib jagte.

Als ich verträumt die Augen öffnete, erblickte ich aus dem Augenwinkel die Nachricht, die er auf meinem Nachttisch hinterlassen hatte.

„Liebe Anna,

ich bin sehr glücklich über alles, was heute Nachmittag passiert ist, und wenn wir füreinander bestimmt wären, würde ich nichts lieber tun als mit dir zusammen zu sein. Doch das sind wir nicht, denn du brauchst Morten und er braucht dich. Ich wünsche euch von ganzem Herzen alles Liebe und Gute, ich bin mir sicher, dass ihr eine fantastische Zukunft haben werdet.

Wieso ich das weiß?

Du hast seinen Namen geflüstert und dabei so süß gelächelt, dass ich unter anderen Umständen eifersüchtig geworden wäre. Aber ich bin einfach glücklich, diese Stunden mit dir verbracht zu haben. Du hast mir ein bisschen neuen Lebensmut gegeben, dafür bin ich dir sehr dankbar.

Liebe Grüße und einen sanften Kuss,

N.“

Oh, verdammt.

Niklas war weg, und wir würden uns vermutlich nie wieder auf so leidenschaftliche Art und Weise begegnen.

Und: Oh, verdammt!

Ich hatte im Schlaf Mortens Namen geflüstert und dabei gelächelt? Warum konnte ich dann nicht auch mal etwas Schönes von ihm träumen?

Und, fast noch schlimmer: Was, wenn mir das passiert, wenn ich mit jemandem schlafe, der nicht so einfühlsam wie Niklas ist?

Mir war zum Heulen. Und zum Lachen. Also lachte und heulte ich gleichzeitig.

Und dann schnupperte ich ein letztes Mal an Niks Duft in meiner Bettdecke, stand auf und schlurfte unter die Dusche,um den salzigen Schweiß des wilden Nachmittags zu beseitigen.

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