Normalität? Was ist das?

Die Tage nach dem Wochenende mit Niklas und dem Todestraum am Montag verliefen überraschend normal. In der Uni sind Semesterferien, aber ich muss richtig viel für die anstehenden Klausuren und Prüfungen lernen, das ist mir früher leichter gefallen. Zur Arbeit gehe ich ’nebenbei‘ auch noch, da läuft es zum Glück entspannt.

Das gute Wetter lockte mich oft nach draußen, ich lief jeden zweiten Tag unterschiedliche Strecken und powerte mich öfter richtig aus. Es ist schön, das Blut und den Wind in den Ohren rauschen zu hören, den aus der Lauferei resultierenden Muskelkater nehme ich als Bestätigung dafür, dass ich Fett ab- und Muskeln aufbaue. Mein Yoga habe ich mit Krafttraining angereichert, das merke ich langsam auch. Ich will endlich wieder definierte und schnelle Muskeln haben, auch wenn ich mich dafür richtig quälen muss. Mein Körper hat das verdient.

Ida hatte sich mehrmals gemeldet, Morten war von der Intensivstation auf die normale Station verlegt worden und bekam inzwischen erste Bewegungstherapie. Er machte sehr schnelle Fortschritte, sein Kopf war klar, er konnte sich allerdings an den Unfall nicht mehr erinnern. In der Woche nach seinem Aufwachen hatte ich mich nicht aufraffen können, ihn zu besuchen. Ich hatte mich davor gefürchtet, dass er etwas von mir erwarten könnte – und ich ihn vollkommen emotionslos enttäuschen würde.

Doch Ida versicherte mir, dass er sich einfach nur freuen würde, mich zu sehen, und so fuhr ich am nächsten Samstag zu ihm, genau eine Woche, nachdem er aus dem Koma erwacht war. Der Besuch verlief weniger schlimm als erwartet, aber ich hatte das Gefühl, ihm nichts zu sagen zu haben. Ich saß bei ihm, erzählte ein paar Belanglosigkeiten aus meinem Alltag, und er berichtete, dass er schon einige Operationen hinter sich hatte und jetzt nur noch sein Bein repariert werden müsste.

Als ich auf dem Heimweg war, fühlte ich mich komplett leer und nutzlos. Wäre ich noch mit ihm zusammen gewesen, hätte ich mich viel mehr dafür interessiert, was genau mit ihm gemacht worden war und was ihm noch bevor stand. Aber so hatte ich nach fünfzehn Minuten schon vergessen, was sie operiert hatten. Ich schämte mich für meine Ignoranz und nahm mir vor, ihn zu vergessen und Ida zu bitten, dass sie ihm das möglichst schonend beibringen sollte.

Doch da hatte ich die Rechnung ohne sie gemacht.

[A 17:25] „Hallo Ida, ich war eben bei Morten. Es ist schön, dass es ihm inzwischen besser geht, aber ich glaube, dass ich ihn nicht mehr besuchen werde. Sag ihm bitte schöne Grüße von mir.“

Ihre Antwort kam prompt und trocken.

[I 17:25] „Das solltest du ihm selbst sagen, ich werde mich nicht einmischen ;)“

[A 17:26] „Ich habe das Gefühl, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben …“

[I 17:26] „Anna, ich weiß, dass das für dich nicht einfach ist. Aber Morten hat es nicht verdient, dass du ihm ausweichst. Er wird es verstehen, aber bitte sag es ihm selbst.“

Vermutlich hatte sie Recht.

Am Anfang der darauf folgenden Woche überkam mich der Shoppingwahn. Nach dem Motto ‚man kann nie genügend Sneaker, Oberteile und Unterwäsche haben‘ tat ich dem örtlichen Einzelhandel einen großen Gefallen und ließ meine Kreditkarte glühen. Meinen persönlichen Rekord habe ich nicht gebrochen, aber in solchen Fällen bin ich froh, dass meine finanzielle Situation äußerst komfortabel ist. Davon kann ich mir zwar nicht die Psyche reparieren oder meine permanenten Selbstzweifel heilen, auch meine Albträume oder kaputten Gedankengänge werden davon nicht weniger, aber ich habe nicht auch noch Geldsorgen. Das kann richtig an die Substanz gehen, daher bin ich dankbar dafür, dass ich mich um so eine Baustelle nicht auch noch kümmern muss.

Jetzt brauche ich nur noch ein neues Schuhregal.

Am Mittwoch hatte ich genügend Kraft gesammelt, um mich endgültig aus Mortens Leben zu verabschieden. Mein Freund war er schon lange nicht mehr, was nicht an ihm gelegen hatte, aber ich konnte mich nicht dazu aufraffen, ihn als guten Freund zu behalten. Auch das lag nicht an ihm, er war ein großartiger Mensch, der einfach nur das Pech gehabt hatte, mir über den Weg zu laufen.

Doch natürlich kam wieder alles anders. Nicht vom angestrebten, oder sollte ich lieber sagen: notwendigen Ergebnis her, aber der Ablauf war wieder Chaos pur.

Ich klopfte an die Tür des Krankenzimmers und öffnete die Tür, ohne groß auf eine Antwort zu warten, das Gemurmel der Patienten konnte man durch die dicke Tür ohnehin kaum hören.

An Mortens Bett stand eine junge Frau, durchaus attraktiv, mein zweiter Eindruck war: oberflächlich, die sich über ihn beugte und ihn sanft zu küssen schien. Beide hatten mich nicht bemerkt, aber ich wollte nicht schon wieder denselben Fehler begehen wie damals, als ich Morten und Ida im Kino gesehen und sie für seine Freundin gehalten hatte. Also blieb ich, teils überrascht, teils neugierig, teils irritiert, reglos an der Tür stehen. Morten hatte zwei Zimmergenossen, die mich verwundert ansahen, aber ich bedeutete beiden, dass ich zu Morten wollte und die Interaktion zwischen ihm und der jungen Frau nicht unterbrechen wollte.

Nach kurzer Zeit war die Knutscherei beendet, und ich trat zu Morten ans Bett, auf die Seite gegenüber seiner … Freundin? Keine voreiligen Schlüsse, ermahnte ich mich, damit habe ich schon einmal richtig falsch gelegen. Ihr Outfit war etwas zu perfekt, ihr Lächeln zu glatt, ihre Haare zu gestylt, ihr Makeup zu gemalt und ihr Parfum zu süß. Ganz schön viel was mich an ihr stört, dachte ich verwirrt.

„Oh, Hallo Anna!“ Morten wirkte gut gelaunt, er sah deutlich weniger lädiert aus als noch zwei Wochen zuvor. Er war zwar noch ziemlich blass, aber außer einem deftigen dunklen Veilchen sah sein Gesicht fast normal aus. Das linke Bein war immer noch aufwändig geschient, aber der linke Arm steckte in einem vergleichsweise zierlichen Gips.

„Hallo, Morten“, entgegnete ich unenthusiastisch. Wenn er wieder eine Freundin hatte, warum hatte Ida darauf bestanden, dass ich ihn besuchen kam?

„Das ist Isabella, meine …“, setzte er an, und sie fiel ihm gütig lächelnd ins Wort: „… Erste Hilfe.“

Aha. Soso.

„Isabella hat sich nach dem Unfall um mich gekümmert, ohne sie hätte ich wohl nicht überlebt.“

„Oh, Süßer, jetzt übertreibst du aber!“, kicherte sie und strich ihm über die Wange. Dabei grinste sie so breit, dass mir beinahe schlecht wurde.

Ich überlegte kurz, ob ich direkt vor Ort auf den Fußboden kotzen oder mir das für zu Hause aufsparen sollte. Ich entschied mich für Letzteres und setzte mein zuckersüßestes Lächeln auf. Unter normalen Umständen hätte Morten das sofort durchschaut, aber er schien entweder von den Schmerzmitteln oder von dem Gesülze seiner herzallerliebsten Retterin benebelt zu sein.

„Oh, und danach hat Amors Pfeil euch getroffen? Das ist sooo süß!“

„Neinnein!“, beteuerte Morten, „Wir sind nur befreundet!“

In Isabellas Gesicht erstarrte das Lächeln kurz zu Eis, aber sie war die Beherrschung in Person.

„Und du bist … wer?“, fragte sie und hob eine Augenbraue.

„Oh, ich bin nur die Ex!“ Ich konnte auch schauspielern, hielt aber meine Carolin-Kebekus-Imitation zurück und machte auf hohles Dummchen.

„Aaach ja, Ida hat von dir erzählt! Es ist ja so traurig …“

Was auch immer Ida ihr erzählt hatte – mir war inzwischen klar, warum sie darauf bestanden hatte, dass ich ihn noch einmal besuchen sollte.

„… dass du ihn verlassen hast“, fuhr Isabella fort.

„Ich bin halt nicht gut genug für ihn gewesen!“ Es klang weniger fröhlich als gedacht, aber sie sprang trotzdem voll drauf an.

„Ja, das habe ich auch vermutet. Morten, mein Süßer, du bist einfach zu gut für die meisten Frauen!“ Dabei himmelte sie ihn an wie eine Prinzessin.

Morten ließ es sich nicht anmerken, aber ich spürte, dass er sauer war. „Isabella, Anna und ich waren sehr glücklich miteinander, aber ich habe großen Respekt vor ihr. Sie hat eine schwere Zeit hinter sich.“

Sie blinzelte kurz, lächelte etwas weniger gekünstelt, um sich dann süffisant zu entschuldigen: „Tut mir leid, Anna, ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

„Schon gut, ich muss sowieso wieder los. Morten, ich wünsche dir wirklich gute Besserung, ich hoffe du kannst bald wieder gesund durch die Gegend laufen!“

„Vielen Dank, Anna! Kommst du bald wieder?“

„Mal sehen … Ich habe viel zu tun, Prüfungen, Klausuren, du weißt ja wie das ist.“

Er lächelte weiter, aber in seinen Augen sah ich, dass er verstanden hatte. Ich drehte mich um und ging ohne ein weiteres Wort.

Draußen auf dem Flur hätte ich am liebsten laut geschrien, aber ich konnte mich beherrschen. Was war denn das für eine gruselige Frau, an die er da geraten war?

Ich schrieb Ida eine Nachricht.

[A 17:12] „Ich glaube zu verstehen, warum du wolltest, dass ich Morten noch einmal besuche …“

[I 17:14] „Falls du dachtest, er hätte dich nicht verdient – denkst du, er hätte stattdessen sie verdient?“

[A 17:14] „Wer ist sie eigentlich außer seiner ‚Ersten Hilfe‘?“

[I 17:15] „Sie ist Medizinstudentin mit reichen Eltern. Ich mag sie nicht.“

[A 17:15] „Ich mag sie auch nicht, aber wenn er sie mag …“

[I 17:15] „Er kann nicht klar denken!“

[A 17:16] „Ich auch nicht, aber ich bin raus.“

[I 17:17] „Anna … Bitte … Ich brauche deine Hilfe.“

[A 17:17] „Ida, ich verstehe das, aber ich habe mit der Geschichte nichts zu tun …“

[I 17:17] „Darf ich dich trotzdem um etwas bitten?“

[A 17:25] „Ich weiß nicht … Worum geht es denn?“

[I 17:25] „Eigentlich wollte ich das nie tun.“

[A 17:26] „Was?“

[I 17:26] „Anna, sei sexy!“

Der Gruß von der Karte von ‚Irene‘ am Valentinstag! Ich hatte schon vermutet, dass es Ida gewesen war, die mir die kryptische Nachricht geschickt hatte. Da aus dieser Richtung aber nichts weiter gekommen war, hatte ich das beinahe vergessen. Die Botschaft ergab jetzt einen Sinn: Morten hatte zu dem Zeitpunkt, anders als von mir vermutet, keine Freundin gehabt. Und somit war damals, als ich mich von ihm getrennt hatte, mein Argument falsch gewesen, er sei in guten Händen und ich müsste mir keine Gedanken mehr über unser gemeinsames Leben machen. Dass er damals nicht mit Ida zusammen gewesen war, hatte ich bereits in dem Gespräch mit ihr vor ein paar Wochen erfahren, aber dass sie tatsächlich die Karte geschickt hatte war neu für mich.

Es änderte allerdings nichts an der momentanen Situation. Morten und ich waren seit Wochen getrennt, und falls er der Überzeugung war, dass er mit seiner Lebensretterin glücklich werden könnte, wäre ich die Letzte, die ihm diesbezüglich Vorschriften machen würde. Und selbst wenn Ida das alles nicht so toll fand: ich hatte mit ihm nichts mehr zu tun.

[A 17:30] „Das Problem wirst du ohne mich lösen müssen, falls du Morten überhaupt in sein Liebesleben reinreden möchtest. Vielleicht ist sie ja seine Traumfrau? Immerhin hat sie ihm das Leben gerettet!“

[I 17:31] „Vermutlich hast du Recht. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass ihr beide zusammen gehört.“

Und mit dieser Überzeugung war sie nicht allein. Auch Niklas hatte neulich eine entsprechende Bemerkung gemacht, und dabei hatte ich ihm nur von Morten und mir erzählt. Und im Schlaf Mortens Namen gemurmelt.

[A 17:33] „Das ist sehr lieb von dir, aber ich bin anderer Meinung. Ich bin ein echter Alptraum, auch wenn ich nett und freundlich erscheine.“

[I 17:34] „Ich weiß. Ich habe dich gesehen.“

[A 17:34] „Du hast nur mein Äußeres gesehen, aber nicht meine finstere Gedankenwelt.“

[I 17:35] „Doch, genau das. Erinnerst du dich nicht mehr an unsere erste Begegnung?“

[A 17:36] „Im Café? Klar, wie könnte ich das vergessen …“

[I 17:36] „Nein. Im Kino. Weißt du noch, was du damals gefühlt hast?“

Stimmt, wir waren uns im Kino … begegnet. Aber wir hatten kein Wort miteinander gesprochen.

[A 17:37] „Ich erinnere mich nur daran, dass ich zwar geschockt war, Morten mit einer anderen zu sehen … aber …“

[I 17:37] „… aber? ;)“

Der Smiley signalisierte, dass sie wusste, was ich gedacht hatte.

[A 17:39] „… sag du es mir! ;)“

[I 17:39] „Du hattest das Gefühl, meine Gedanken lesen, nein, verstehen zu können. Und dass ich mich in deine Situation hineinversetzen konnte.“

Womit sie genau ins Schwarze getroffen hatte.

[A 17:42] „Ja … woher weißt du das?“

[I 17:43] „Ich möchte es nicht eine Begabung nennen, aber ich kann mich ganz gut in einige Menschen hineinversetzen.“

[A 17:44] „Du kannst Gedanken lesen?“

[I 17:44] „Nein, natürlich nicht. Aber ich habe gespürt, dass du es als schmerzhaft empfunden hast, Morten mit einer anderen Frau zu sehen.“

[A 17:45] „Dafür hätte man keine besonderen Fähigkeiten gebraucht ;)“

[I 17:45] „Und du bist eifersüchtig auf Isabella.“

[A 17:46] „Wie kommst du denn auf die Idee?“

[I 17:46] „Du hast mich angeschrieben … ;)“

Oh. War ich wirklich so einfach zu durchschauen?

Niklas hatte dasselbe gesagt. Als ob Morten und ich das Traumpaar schlechthin wären. Waren wir auch gewesen, bevor es mit mir rapide bergab ging und ich schließlich zum empathielosen Zombie mutiert war. Ich war derzeit absolut nicht beziehungstauglich. Sex, ja, gerne, jederzeit, und über mein neu erwachtes Verlangen war ich sehr froh. Aber eine Beziehung? Mit so einem perfekten Mann wie Morten? Das wäre vermessen.

[A 17:53] „Ach, vergiss es einfach wieder …“

[I 17:54] „Ob dir das auch gelingt … ;)“

Ich starrte auf das Display und nahm mir vor, beide zu vergessen. Ida. Und Morten.

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