Das Ende der Welt

Bitte die Triggerwarnung beachten!

Ich erreichte unser Café zehn Minuten vor meinem Date … meiner Verabredung mit Morten. Mir war eiskalt, und das lag nicht an der winterlichen Kälte unter dem bleigrauen Himmel mit den munter wirbelnden Schneeflocken. Ich kam mir vor wie eine Profikillerin auf dem Weg zu einem Auftragsmord, eiskalt, berechnend, gefühllos. Das Opfer war arglos, und ich würde ohne Gnade abdrücken. Meine einzige Hoffnung war, dass unsere Beziehung einen schmerzlosen, plötzlichen Tod erleiden würde, doch das erschien mir unwahrscheinlich. Vermutlich würde sie langsam verbluten und mich mit flehenden Augen um Gnade bitten, während ich ihren erkaltenden Körper mit meinen Armen umklammert hielt und herzzerreißend heulte bis sie starb.

Es gelang mir nicht, diese furchterregenden Gedanken zu vertreiben, und dass ich zur Abwechslung versuchte, an Mortens und meine gemeinsamen Erlebnisse zurückzudenken, machte es nur noch schlimmer. Mir schien es, als sollte ich das letzte Einhorn schlachten oder einem rosa Kaninchen bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren ziehen.

Ich betrat das Café und bestellte einen … meinen letzten Latte Macchiatto. Mir war klar, dass ich dieses Lokal nach den heutigen Ereignissen nie wieder betreten könnte, auch wenn jeder Mörder klischeegemäß an den Ort seines Verbrechens zurückkehrt. Ich empfand bei diesem Gedanken eine gewisse Wehmut, doch ich vertrieb die aufkommenden dunklen Wolken, indem ich ein letztes Mal meinen Plan durchging.

Auf Morten warten, ihn freundlich begrüßen. Gleich zur Sache kommen (aber nicht zu DER Sache … Verflixt! Ich durfte mich nicht von Gefühlen überwältigen lassen! … Oh, wie würde ich Morten in der Hinsicht vermissen … Verdammt! Konzentration! Ich wäre eine total miese Attentäterin!). Bei Bedarf ein paar sachliche und unwiderlegbare Argumente anführen: ich wäre momentan nicht beziehungsfähig, er hätte eine Bessere verdient als mich, ich würde ihm ewig nachtrauern, er wäre das Beste, was mir je passiert ist, ich hätte ihn aber keinesfalls verdient, weil ich ihn so schäbig behandelt hätte, und, falls das noch nicht ausreichen sollte, ich wüßte, dass er bereits eine sehr liebevolle, attraktive und von mir uneingeschränkt bewunderte neue Freundin hätte und wünschte den beiden alles Glück dieser Welt.

Bestechend einfach.

So einfach, wie eine senkrechte Glaswand hinaufzuklettern oder durch einen See aus glühender Lava zu schwimmen.

Ich überlegte kurz, die ganze Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen, direkt wieder nach Hause zu gehen und mich bis ans Ende aller Tage auf dem Sofa unter der Decke zu verkriechen, oder, noch besser: unter dem Sofa, als mich eine fröhliche Stimme aus meinen Gedanken riss:

„Bitte, Ihr Latte Macchiatto!“

„Oh … Danke!“

Ich schaltete auf Autopilot. Glas nehmen, Löffel nehmen. Treppe nach oben steigen. 23 Stufen. Nach links, zum „Zubehörtresen“, wie Morten die Anrichte mit Zucker, Servietten, Strohhalmen, Rührstäbchen, Wasserkaraffe und dem ganzen anderen Zeug immer genannt hatte … nannte. Zuckerstreuer nehmen, Strohhalm nehmen, zwei Servietten nehmen. Nein, drei, besser vier. Oh, und den braunen Zucker für Morten nicht vergessen. Meine Handgriffe waren geübt, wie die eines Schläfers, der auf ein harmloses Codewort hin seinen Koffer öffnet und aus einem chaotisch erscheinenden Haufen unscheinbarer Einzelteile ein Scharfschützengewehr zusammensteckt. Und dann das Opfer anvisiert. Und abdrückt.

Ich sah mich um. Kaum Gäste hier um diese Zeit, der Nerd mit seinem Thinkpad, die Girlies mit ihrem Kichern, das Pärchen mit den verliebten Blicken, und hinten, in der Ecke, in unserer Ecke, an einem der drei niedrigen Tische mit den bequemen Sesseln, saß schon jemand.

Morten.

Er lächelte fröhlich, entwaffnend, ehrlich. Mein Herz wurde zu einem Klumpen aus Eis, mein Magen zu einem Klotz aus Beton, mein Mund trocknete aus und mein Kopf füllte sich mit einem Vakuum. Seine blauen Augen, die meine Mutter verzückt als „wie die von Terence Hill!“ bezeichnet hatte, seine wirren Haare, seine coolen Klamotten, all das war nur die schicke Fassade eines tollen Typen mit Herz, Hirn und Humor.

Mein geliebter … Ex-Freund.

„Hallo Anna!“

„Hallo Morten!“

Ich setzte mich ihm gegenüber, nachdem ich meine Tasse, die beiden Zuckerstreuer, die Servietten und den Strohhalm auf dem Tisch platziert hatte. Es war wie eine rituelle Handlung, die ich sehr bewusst vornahm, und mir wurde schmerzlich klar, dass das nichts am Ausgang unseres Gesprächs ändern würde.

Ich sah ihm direkt ins Gesicht, doch anders als erwartet sah ich keine unbeschwerte Freude und kein überschwängliches Glück, sondern tiefe Traurigkeit und Müdigkeit. Als hätte er schlecht geschlafen, aber ich ahnte, dass das nicht die Ursache war.

„Ich freue mich, dass du da bist“, sagte er und lächelte. Seine Müdigkeit und Traurigkeit wurden kurz überstrahlt von einer Freude, die ganz tief aus seinem Inneren zu leuchten schien.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen.“ Ich fühlte plötzlich eine Mischung aus Gelassenheit, als stünde ich mitten in einem Sturm auf einem sicheren Felsen hoch über der Brandung, und Furcht, als stürzte ich in einen bodenlos scheinenden Abgrund. Und dieser Abgrund war anders als der, den ich seit Monaten kannte; dieser war unendlich und endgültig.

Wenn ich doch nur etwas anderes sagen könnte als das, was ich mir vorgenommen hatte. Wenn ich doch nur sagen könnte: ‚Morten, ich liebe dich unendlich und möchte mich aus tiefstem Herzen dafür entschuldigen, dass ich dich so lange nicht in mein Leben gelassen habe. Kannst du mir bitte verzeihen?‘

Stattdessen sagte ich gar nichts. Und Morten auch nicht.

Wir schwiegen uns an. Als gäbe es schlicht und ergreifend nichts mehr zu sagen. Als wäre alles schon aus und vorbei.

„Ich weiß, dass es dich sehr viel Kraft gekostet haben muss, dich mit mir zu treffen“, sagte er schließlich.

„Das … stimmt.“ Er hatte ein unglaubliches Gefühl für andere Menschen. Für mich. Ich streute eine dünne Schicht Zucker auf den Milchschaum und stocherte lustlos mit dem Löffel in meiner Tasse herum. Wenn ich jetzt auch nur einen einzigen Schluck von meinem Latte Macchiatto trinke, muss ich mich übergeben, dachte ich.

„Und ich vermute, du hast etwas auf dem Herzen.“

Ich holte tief Luft und legte meinen Kopf in den Nacken, um nicht spontan loszuheulen. An der Decke blinkte irgendein Sensor genau in dem Moment für den Bruchteil einer Sekunde auf. Danach blieb er dunkel. Vermutlich blinkte er einmal am Tag, und ich hatte genau diesen Moment erwischt und durfte mich unendlich glücklich schätzen, Zeugin dieses seltenen Ereignisses geworden zu sein. Der Sensor blinkte erneut. Verdammt. Ich musste mich konzentrieren und sah wieder direkt in Mortens Augen.

„Ja, das habe ich. Und es ist nicht so einfach.“

Er sah mich freundlich an, ohne einen Hauch eines Vorwurfs oder einer Forderung in seinem Blick. Er vermittelte mir die Sicherheit, die ich für die folgenden Sätze brauchte, auch wenn er geahnt haben muss, wohin uns das führt.

„Ich habe dich in den letzten Monaten total beschissen behandelt, und das tut mir unendlich leid. Ich möchte dich von mir erlösen … also … falls wir noch zusammen sind … sind wir es ab jetzt nicht mehr.“

Ich war erstaunt, wie emotionslos das aus meinem Mund gekommen war. Und was es mit Morten anrichtete. Es war tatsächlich wie ein Attentat. Er atmete tief ein, rang nach Worten oder nach Luft oder nach beidem, atmete wieder aus und starrte an die Decke. Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte ich ihn lachend gefragt, ob er ebenfalls das blinkende Ding an der Decke bemerkt hatte. Doch meine Kehle war wie zugeschnürt, und jeder Gedanke an irgendetwas auch nur ansatzweise Witziges trieb mir die Tränen in die Augen.

„Das ist … traurig“, sagte er, als er sich wieder halbwegs gesammelt hatte und mich ansah.

„Ja.“ Mehr brachte ich nicht hervor.

„Darf ich … kannst du mir … warum?“

Meine so schön vorbereiteten Argumente hatten sich verpisst und ließen mich im Stich. Feiges Pack! Ich blinzelte meine Tränen weg und stammelte nur: „Ich weiß, dass du mit … ihr tausendmal glücklicher sein wirst als mit mir … jedenfalls wünsche ich es euch von ganzem Herzen …“

Sein ohnehin schon tieftrauriges Gesicht verwandelte sich in blankes Entsetzen. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass irgendjemand so viel Leid zum Ausdruck bringen könnte, und ich hatte mich selbst auf meinem absoluten Tiefpunkt mehr als einmal im Spiegel ertragen müssen.

„Von wem … wovon … redest du?“

„Ich bin dir nicht böse. Ich habe euch gesehen. Ihr habt so glücklich ausgesehen. Das kann ich … dir nicht … mehr geben.“

Sein Entsetzen wich langsam, sehr langsam, Erkenntnis. Er schien sogar so etwas Ähnliches wie ein Lächeln zu versuchen, aber vermutlich war es ihm unangenehm, dass ich von seiner neuen Freundin wusste. Oder er fand es peinlich, mit mir, dem kaputten Nervenbündel, hier zu sitzen, ohne das er so unendlich viel glücklicher war.

Ich wusste, dass ich mich nur noch ein paar Sekunden beherrschen konnte, dann würden bei mir alle Dämme brechen. Ich erhob mich von meinem Sessel, ungeahnt agil, wenn man meine Gesamtsituation betrachtete, beugte mich zu ihm vor und umarmte ihn kurz … ein letztes Mal … atmete seinen vertrauten Duft ein, der so unglaublich nach zu Hause oder nach angekommen sein roch, küsste ihn auf die Wange, was er mit einem glücklichen Seufzer und einer vorsichtigen Umarmung erwiderte.

Ich löste mich aus seinen Armen, schnappte meine Jacke und meine Tasche und ging, oder besser: rannte davon. Ich rannte zur Treppe, rannte die 23 Stufen hinab, zog mir im Rennen die Jacke an, rannte hinaus auf den Fußweg vor dem Café, rannte die Straße entlang, die nächste Ampel war grün, ich rannte weiter, nur weg, weg von Morten, weg vom Ort meines Attentats, mein Opfer sterbend zurücklassend, ich rannte, bis mir schwarz vor Augen wurde und ich keine Luft mehr bekam.

Mein Gesicht triefte vor Tränen und Rotz, ich heulte wie ein fast tot geprügelter Hund. Mir tat alles weh, nicht nur die Beine vom Laufen und die Lunge vom Luftholen und das Herz wegen der Anstrengung, sondern wortwörtlich alles. Es fühlte sich an, als würde es mich gleich komplett zerreißen, als würde jede Zelle und jede Faser meines Körpers in eine andere Richtung streben und nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.

Ich wollte ebenfalls nichts mehr mit mir zu tun haben. Kann man sich irgendwo abgeben und umtauschen? Oder einfach einen Teil des Lebens streichen? Manchmal kommt man auf die absurdesten Ideen.

Als ich wieder halbwegs klar denken und halbwegs klar gucken konnte, stellte ich fest, dass ich mich an einer der schönsten Stellen meiner Stadt befand. Von hier aus konnte ich über das großartigste aller innerstädtischen Gewässer das ganze Panorama der Innenstadt sehen, und obwohl der Himmel immer noch bleischwer über allem hing, wurde mir bewusst, dass ich eben einen wichtigen Schritt hinter mich gebracht hatte. Ich hatte Morten von mir befreit, und ich konnte mich vollkommen darauf konzentrieren, mein kaputtes Leben wieder in Ordnung zu bringen.

Ich setzte mich auf eine Bank, um den Ausblick zu genießen und meinen Kopf, zumindest für ein paar Minuten, frei zu bekommen. Ja, hier war es schön. Auch wenn man alleine war. Ein paar Möwen kreisten – und kreischten, wie ich lächelnd feststellte – über mir, ein Jogger trabte gemächlich vorbei, irgendwo hinter mir rauschte der Verkehr, und ich merkte, wie ich innerlich zur Ruhe kam.

Die Attentäterin hatte ihre Tat vollbracht. Die Mission war erfüllt.

Mein iPhone klingelte.

Morten.

Ich erwog ernsthaft, das Telefon ins Wasser zu werfen.

Stattdessen drückte ich ihn weg.

Dann sperrte ich seine Nummer.

Er sollte meinetwegen nicht mehr leiden.

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