Sucht. Eifersucht. Eifersuchtsschmerz.

Bitte die Triggerwarnung beachten!

Nach meinem missglückten Sprung vom Balkon wachte ich am späten Nachmittag wieder auf. Das Wetter war vollkommen unangemessen – die Sonne strahlte mit dem blauen Himmel um die Wette.

Mein Hirn war erstaunlich aufgeräumt, als hätte jemand nach dem Tornado die Regale mit den Erinnerungen wieder fein säuberlich eingeräumt, und der Rücken schmerzte deutlich weniger als befürchtet, vermutlich hatten die 1600 Milligramm Ibu ihre Pflicht getan. Im Spiegel betrachtet sahen die blauen Flecken fast dekorativ aus, wie sie sich zwischen den Hinterbeinen meines Drachens hindurch schlängelten. Das Tattoo hatte ich mir im letzten Frühsommer stechen lassen, nachdem ich mit meinem damaligen Freund Schluss gemacht hatte, und ich hatte den Schmerz jedes einzelnen Stichs genossen. Manchmal können Schmerzen lustvoll sein.

Ich stellte mich unter die Dusche und ließ das Wasser laufen.

Es ist schon interessant, dass es gesellschaftlich sanktionierte Schmerzen gibt. Sport bis zur totalen Verausgabung, oder, als Krönung, Kickboxen und andere Kampfsportarten. Handball kann auch übel weh tun, das habe ich früher gespielt. Oder, andere Baustelle, Piercings, Tattoos und Waxing. Ich weiß noch genau, welche Angst ich vor meinem Industrial hatte, oder vor meinem ersten (und bisher einzigen) Tattoo. Waxing im Intimbereich ist auch wunderbar. Es heißt immer „schön, wenn der Schmerz nachlässt“. Nein, ich finde: schön, wenn der Schmerz durch und durch geht. Noch schöner, wenn er das Lustzentrum erreicht. Und schade, wenn er wieder abklingt.

Ich kann Menschen verstehen, die sich selbst Schmerzen zufügen. In Filmen wie „Fight Club“ dient das sogar der Unterhaltung. Sich im wirklichen Leben selbst zu verletzen, ob mit Feuer, mit spitzen und scharfen Gegenständen oder auf ganz andere Art und Weise, wird gesellschaftlich eher abgelehnt. Ich hatte in meinen finstersten Stunden gelegentlich das unbändige Verlangen, mir Finger, Zehen oder gleich eine ganze Hand oder einen Fuß abzuhacken, um überhaupt irgendetwas zu spüren. Stattdessen hatte ich mir damals die Haare abrasiert, was natürlich keinerlei physische Schmerzen verursacht. Das blasse Gespenst, das mir danach aus dem Spiegel entgegen gestarrt hatte, sah allerdings furchtbar genug aus, um mich körperlich leiden zu lassen.

Selbstmord ist die Krönung aller Schmerzen, aber auch endgültig. Danach ist es vermutlich vorbei, es sei denn, man glaubt an die Hölle und landet auch dort. Daher bin ich froh, dass ich noch lebe. Ich brauche den Schmerz. Er bereitet mir Lust und Vergnügen und ist ein willkommener Gefährte, wenn es mir schlecht geht und ich ansonsten gar nichts empfinde.

Mein nächstes Tattoo werde ich mir stechen lassen, wenn ich mindestens eine Stunde ohne Pause gelaufen bin. Bis dahin freue ich mich auf die Schmerzen, die es mir bereiten wird. Und auf die Schmerzen, die ich beim Laufen verspüre.

Noch ganz anders sieht es bei seelischen Schmerzen aus. Wenn es keine physikalische Ursache gibt. Trauer, Trauma, Trennung, Tod. Einsamkeit. Ich habe, um den Song einer skandinavischen Sängerin zu zitieren, die ich durch Morten kennengelernt habe, keine Probleme damit, allein zu sein. Aber einsam, nein, einsam will und kann ich auf Dauer nicht bleiben.

Meine Trennung von Morten war insofern vollkommen absurd gewesen. Der totale Gegensatz zu den Ibu, die ich gegen die Schmerzen genommen habe. Allerdings, würde ich nicht allergisch auf Marihuana reagieren, würde ich mir wahrscheinlich abwechselnd die Birne zudröhnen und mit einem schweren Hammer auf die Finger schlagen bis es blutet. Brutale Schmerzen und vollkommene Gleichgültigkeit im Wechsel. Ein Traum!

Von Morten habe ich mich nicht nur getrennt, weil ich eine Zumutung und eine untragbare Last für ihn gewesen wäre. Das auch. Viel wichtiger war aber, dass ich das Gefühl gehabt hatte, ihn nicht verdient zu haben. Ich war einfach ein zu schlechter Mensch. Also musste ich mir Schmerzen zufügen, und ich verließ, nein, besser: ich verstieß ihn.

Es war, als hätte ich mir ein großes Stück Fleisch aus dem Leib geschnitten. Oder einen Arm abgetrennt. Ohne ihn würde ich nie mehr komplett sein. Und das war genau das, was ich gebraucht hatte: unendlichen Schmerz. Endloses Leid. Als hätte ich einen Teil meines Körpers, nein, noch schlimmer: einen Teil meiner Seele heraus gerissen.

Doch die absolute, endgültige, vollkommene Steigerung all dessen war Isabella, seine Lebensretterin. Wenn normale Eifersucht bedeutet, dass man Kopfschmerzen und Bauchweh hat, dann war das mit Isabella, als würde man bei lebendigem Leib auf großer Flamme geröstet werden. Oder durch einen Schredder gezogen werden, der einem das Fleisch von den Knochen reißt.

Das war die Hölle. Oder, vom Standpunkt einer Person aus betrachtet, die Schmerzen mit Leben gleich setzt: das Paradies.

Perfekt.

Das nächste Tattoo konnte noch ein bisschen warten.

Als ich aus der Dusche gekrochen war und in meinem flauschigen Bademantel auf dem Sofa saß, summte mein iPhone.

Eine Nachricht. Von Ida. Die 23. Nachricht, seit wir das letzte Mal geschrieben hatten.

Ich ignorierte sie. Aber ich sperrte sie nicht.

Schmerzen.

Schön.

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33 Gedanken zu “Sucht. Eifersucht. Eifersuchtsschmerz.

    1. Vielen Dank fürs Lesen. Noch lebe ich, und mir selbst kommt das alles gar nicht mehr so schlimm vor. Hätte mir das jemand vor einem Jahr prophezeit, hätte ich denjenigen allerdings für total gestört erklärt 😉

      Am meisten irritiert mich selbst, dass ich überhaupt keine Angst vor dem Tod habe. Auch nicht vor dem Sterben. Aber jedes Mal, wenn ich weiter lebe, freue ich mich, dass ich noch lebe. Insofern ist prinzipiell alles gut bei mir, auch wenn meine Mitmenschen (und du als Leserin) einen anderen Eindruck haben.

      Gefällt 1 Person

      1. Ich weiß gar nicht, ob ich den Eindruck so bestätigen würde. Ich glaube, du lebst wie du schreibst – intensiv. Und es passiert einiges, die so ziemlich jeden durcheinander bringen würden. Vermutlich wird es zwischendurch einfach zu viel, aber das heißt nicht, dass grundsätzlich alles schlecht ist. Und es freut mich, wenn es dir gut geht. 😊

        Gefällt 1 Person

  1. Vollkommen gestört aber sympathisch 😂😁 und dank der Kommentare wohl auch über jeden Tag „Leben“ glücklich, weiter so 😁 Fightclub war nur’n Film, im wahren Leben geht’s um andere Werte 😉 iPhones und so 😁😁😁😁✌

    Gefällt 4 Personen

    1. Ich nehme das auf jeden Fall als Kompliment, „gestört“ ist bei mir echt noch geschmeichelt 😉

      Und es stimmt: ohne mein iPhone gehe ich nicht aus dem Haus! 🙂 Ebenso wie ich nicht ohne Makeup rausgehe. Aber das Problem kennt ihr Männer ja nicht, hihihi 😉

      Gefällt 1 Person

      1. Da war ich noch nie, ich gehe in meiner neuen Heimat immer gerne auf kleine Konzerte in noch kleineren Locations. Da ist es allerdings oft so finster, dass es niemand sehen würde, wenn man nackt wäre. Was wiederum das Nacktsein ad absurdum führen würde 😉

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