Partyschreck

Nach meinem großen Kinoerfolg war meine Freundin Julia der Meinung, dass ich bereit für eine Party in ihrer WG sei. Ich war nicht davon überzeugt, aber sie bestand darauf, obwohl sie meine Outtakes nach dem Film miterlebt hatte.

Ich ließ mich vorläufig breitschlagen und warf als erstes einen kritischen Blick in den Spiegel; ja, ich bin, was das betrifft, ein schrecklich oberflächlicher Mensch. Seit ich wieder angefangen habe, so etwas ähnliches wie ein Leben zu führen, ist mein Äußeres meine Rüstung oder mein Schild, denn ich rede mit Leuten lieber über meine Frisur oder meine Klamotten als über die Leere und die Schmerzen in meinem Inneren.

Mein Kopf musste dringend zum Friseur. Das ist Fluch und Segen zugleich, wenn man kurze Haare hat: man rennt dauernd zum Nachschneiden, wenn man auf dem Kopf nicht total fusselig aussehen will, andererseits kann man sich jedesmal für eine andere Farbe entschieden, ohne Angst um die lange Mähne zu haben. Diesmal hieß es Goodbye Dunkelgrau, du hast vorläufig ausgedient, Hello kühles Dunkelblond, du bist ein bisschen freundlicher. Der Schnitt war auch wieder frischer, ich blieb an den Seiten und im Nacken vorläufig bei „das ist aber ganz schön kurz“, wie meine Mutter immer sagt, wenn wir skypen, worauf ich dann antworte „Hey, es sind immerhin drei Millimeter, und das ist besser als nichts“, aber obenrum war es nun so lang, dass ich (von der Farbe abgesehen) auf Audrey Hepburn machen konnte. Oder auf Miley Cyrus. Meistens lande ich irgendwo dazwischen, man ist ja froh, wenn man wieder was zum Stylen hat.

Eine gründliche Inventur im Kleiderschrank brachte jede Menge cooler Klamotten ans Tageslicht, die ich seit Monaten nicht mehr getragen hatte – es war wie eine Zeitreise. Ich brauchte trotzdem etwas Neues, ich bin schließlich eine Frau. Es kostete mich einiges an Überwindung, beim Onlineshopping das knallrote Shirt mit dem Spruch „Keep calm and have a drink … or two“ in den Warenkorb zu legen, aber zum Ausgleich gönnte ich mir eine knackige blaue Jeans, die meine Gräten hoffentlich etwas in Form bringen würde, und eine dunkelblaue Bluse. Das ist immerhin so ähnlich wie mein derzeit bevorzugtes Schwarz und war für den Fall gedacht, dass mich mein Mut zu Rot kurzfristig verlassen würde.

Je näher das Wochenende kam, desto nervöser wurde ich. Früher war ich auch nicht der total extrovertierte Partykracher, aber witziger Smalltalk ging immer. Das ist vorbei.

Je näher der Abend rückte, desto intensiver musste Julia mich aufmuntern, aber hey, es war ihre Idee und ihre Party, da hielt ich das in meiner egozentrischen Einstellung nur für angemessen.

„Das wird total entspannt!“

„Für mich wird es der totale Stress.“

„Du kennst fast alle!“

„Das macht es nicht einfacher.“

„Es gibt reichlich zu trinken!“

„Das gibt es bei mir zu Hause auch.“

„Es kommen nur nette Leute!“

„Und ich… :P“

„Na dann ist es ja gut ;)“

„Okay, du hast gewonnen… O.o“

Die letzten Stunden vor der Fete waren die Hölle. Ich fühlte mich elend und bekam zu allem Überfluss heftige Kopfschmerzen, aber ich hatte mir vorgenommen, dass ich da durch wollte. Und wenn es nur für Julia war. Nach zwei Ibu und einer halben Flasche Wein war ich bereit. Mein Outfit des Abends enthielt, von der Unterwäsche und den hochhackigen Stiefeletten abgesehen, weder Schwarz noch Grau, der Lippenstift leuchtete ebenso knallig rot wie mein neues Motto-Shirt, die Jeans machte meine Beine tatsächlich knackig wie seit Ewigkeiten nicht, und da konnte ich die Haare nicht Audrey überlassen: Punkrock, ich komme! Wenn schon, dann richtig!

Als ich Julias WG betrat und auf die ersten Gäste stieß, hatte ich für ein paar Minuten das Gefühl, in eine amokfahrende Achterbahn eingestiegen zu sein, aber das legte sich im Laufe des Abends. Die Leute waren tatsächlich total tiefenentspannt, keiner löcherte mich mit peinlichen Fragen oder nervte mit Kommentaren a la „Hey, geht es dir wieder besser?“. Man sprach über Musik, Filme, Mode, den letzten Klatsch und Tratsch und zum Glück nicht über Politik, Krankheiten, Not und Elend. Ich hielt mich ein wenig zurück, wurde aber immer wieder freundlich in das ein oder andere Gespräch eingeladen.

Die Musik war ebenfalls sehr chillig, und nach einiger Zeit fand ich mich in der strategisch besten Ecke der Couch wieder, vor mir ein halbvolles Glas, und zu meiner Rechten und Linken je ein verliebtes Pärchen, die mit sich selbst beschäftigt waren. Ich hätte unter anderen Umständen ebenfalls nicht alleine hier gesessen, aber in diesem Moment hatte ich mich mit meinem Singledasein abgefunden. Morten war vermutlich in besseren Händen, und mein Schulfreund, den ich am Jahresanfang getroffen hatte, hatte keine Spuren hinterlassen außer der schönen Erinnerung, und die ließ mich hier und jetzt auf dem Sofa zufrieden lächeln.

Das Leben kann tatsächlich schön sein, auch wenn man gar keinen objektiven Grund für gute Laune hat.

Nach kurzer Zeit war mein Glas allerdings leer und keine Flasche zum Nachfüllen in Sicht, und da ich niemanden beim Knutschen stören wollte, machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Flasche Wein. In der Küche wurde ich fündig, und ab hier nahm die ganze Geschichte einen vollkommen absurden Verlauf.

Als ich mein Glas mit fruchtigem Weißwein gefüllt hatte und gerade dabei war, das Buffet nach süßem Dessert abzusuchen, kam Julia in die Küche gestolpert.“Ach, hier bist du!“

„Äh … ja.“ Ich hatte eine Schale mit Tiramisu entdeckt und füllte mir etwas davon in eine kleine Schüssel.

„Oh, Tiramisu, lecker!“ Sie nahm sich ebenfalls eine Portion und fing an zu essen.

„Ist irgendwas?“, fragte ich, denn ich hatte den Eindruck, dass sie nicht nur wegen des leckeren Nachtischs in die Küche gestürmt war.

„Nein … äh … ja, doch!“, gestand sie zwischen zwei Löffeln. Ich versuchte einen fragenden Gesichtsausdruck aufzusetzen und sah vermutlich eher wie ein Clown aus.

Julia sah mich an, kicherte und grinste verschwörerisch und beugte sich dann zu mir herüber. „Rüdiger … Rüdi … du weißt schon …“

Ja, Rüdi, der beste Freund von Julias Mitbewohnerin. Ein charmanter Typ, selbstbewusst, aber kein Egozentriker, lustig, aber nicht vulgär, unter anderen Umständen (das hatten wir schon) hätte ich ihn interessant gefunden, aber ich musste mich zunächst um mich selbst, dann um meine Altlasten und dann um tausend andere Dinge kümmern, bevor ich mich wieder der Männerwelt zuwenden würde.

„Ich glaube, der steht auf dich!“, platzte es aus Julia heraus, nachdem sie sich mehrfach vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war.

Mein Mund klappte auf, das Tiramisu lag mir noch auf der Zunge. Das hatte mir gerade noch gefehlt! Baustellen an jeder Ecke, und dann sowas.

„Das ist toll, oder?“, frohlockte Julia unbeeindruckt von meinen schlechten Manieren und löffelte ihre Schüssel leer.

„Das ist … nicht gut“, entgegnete ich mit vollem Mund. Flüche jeglicher Art hätten dazu geführt, dass das Tiramisu in Julias Gesicht gelandet wäre.

„Er ist sooo ein toller Typ!“

„Dann nimm du ihn doch“, entgegnete ich trocken, nachdem ich runtergeschluckt hatte.

„Psst … behalt das für dich: hatte ich schon!“

Danke für die Information, die ich nicht haben wollte.

„Und, warum seid ihr nicht zusammen?“

„Das blieb mehr so auf der … physischen Ebene.“

Keine Details, bitte!

„Und da meinst du …“

„… er ist absolut der Richtige für dich!“

„Ich bin noch nicht so weit.“

„Wegen Morten?“

Da hatte sie einen wunden Punkt getroffen. Morten war wirklich … perfekt war nicht ganz das richtige Wort … einzigartig. Unvergleichlich. Und ich hatte das alles weggeworfen.

„Auch. Ich muss das mit ihm …“

„… verarbeiten?“

„… klären.“

„Okay.“

„Ich habe das Gefühl, dass ich das zu einem Abschluss bringen muss, bevor …“

„Du musst ja nicht gleich …“

„… mit Rüdi ins Bett?“

„… meinetwegen auch das, aber ich wollte sagen: eine Beziehung mit ihm anfangen. Geh doch mit ihm …“

„… ins Kino?“

„… einen Kaffee trinken!“

Wir mussten beide lachen und kriegten uns kaum wieder ein.

„Nee … Kino solltest du vorläufig lassen“, kicherte Julia.

„Ich hasse Popcorn!“, ergänzte ich trocken.

„Na dann: Kaffee!“

„Höchstens Kaffee!“

„Oh, es gibt Kaffee?“

Rüdi. Seit wann hatte er in der Küchentür gestanden?

„Ich muss mal ganz dringend …“ … irgendwo ins australische Outback. Oder in die russische Taiga. Auf jeden Fall ganz weit weg. Oder zumindest im Boden versinken.

„Was ist denn mit Anna?“, hörte ich ihn noch fragen, bevor ich die Badezimmertür hinter mir ins Schloss warf.

Mein Magen konnte sich zum Glück beherrschen. Das Problem war, dass ich mich nicht den Rest des Abends hier einschließen konnte.

Ich musste hier raus und auf dem schnellsten Weg nach Hause. Ein Blick auf meinen Fitnesstracker sagte mir allerdings, dass es erst halb elf war. Wie verabschiedet man sich um diese Zeit, ohne dass es peinlich wirkt? Ja, ich gebe es zu: eigentlich war mir das vollkommen egal. Aber ich hatte mich bisher ganz wacker geschlagen und war ziemlich stolz auf mich. Das wollte ich nicht einfach wegwerfen.

Also Plan B. Angriff ist die beste Verteidigung. Ich würde mich auf ein Gespräch mit ihm einlassen, falls es dazu käme, und ihm dann ganz souverän signalisieren, dass ich nicht die Richtige für ihn sei. Ich war zwar aus der Übung, aber prinzipiell neige ich nicht dazu, bei so einem Thema schüchtern herumzudrucksen, sondern klar meine Meinung zu verkünden.

Ich warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Ein Auge zudrücken, sonst sah ich mich doppelt, aber was mir aus dem Spiegel entgegenlächelte, sah ganz okay aus. Keine Reparatur erforderlich. Also los.

Ich stürzte mich wieder in die Party, die inzwischen ein wenig mehr Fahrt aufgenommen hatte. Die Musik war lauter, es lief irgendwas von Lena oder Ellie Goulding, das war nach Lenas neuem Album ja nicht mehr so klar zu unterscheiden. Okay, wer’s mag …

Ich machte mich in Lärm, Halbdunkel und kleinen Grüppchen Feiernder auf die Suche nach Rüdi, um ihn vor mein Mikrofon zu bekommen. Das durfte einerseits nicht zu offensiv passieren, andererseits wollte ich mich nicht vor ihm verstecken.

Er war nirgends zu finden. Egal, ich fand stattdessen mein halbvolles Glas in der Küche und ein paar Hähnchenspieße, mit denen ich mich stärkte. Mit einem frisch gefüllten Weinglas mischte ich mich wieder unter die Gäste.

Was würde ich Rüdi sagen? ‚Ich habe noch Altlasten?‘ Habe ich die noch? Ich müsste mich einfach mit Morten treffen und die Lage klären, beziehungsweise einen endgültigen Schlussstrich ziehen. Mit dem Gedanken hatte ich mich schon seit Tagen gequält, und die Trennung würde mir absolut nicht leicht fallen, aber mein Entschluss stand fest. Das würde vermutlich mein zweitschlimmstes Erlebnis werden. Ich würde ihn sehr vermissen, aber er wäre ohne mich besser dran. Seine neue Freundin, die ich neulich mit ihm im Kino gesehen hatte, schien sehr gut zu ihm zu passen. Ich würde den beiden alles Glück der Welt wünschen. Der Mann meiner Träume, so einen trifft man nur einmal im Leben. Höchstens.

Nicht losheulen, nicht in den Abgrund blicken, und schon gar nicht abstürzen! Ich brauchte dringend noch etwas zu trinken!

Ich wankte zielstrebig zu den Vorräten in die Küche und traf dort auf – Rüdi.

Was dann passierte, kann ich nicht mehr ganz genau rekonstruieren, aber unser Gespräch lief ungefähr so ab (Man bedenke meinen Alkoholkonsum bis hierher. Ich wünsche mir einen Fitnesstracker, der auch die Blutalkoholkonzentration messen kann und einen dann vor jeglicher Konversation warnt – falls jemand aus der Branche das hier liest!):

„Wir passen ab-so-lut nicht zusammen!“, fauchte ich ihn ohne Umschweife an.

„Wer sagt sowas?“

„Wer sagt was?“

„Dass wir zusammenpassen?“

„Sag ich doch gar nicht, hör doch einfach mal zu!“

„Ja, das sagtest du.“

„Was?“

„Dass wir nicht zusammenpassen.“

„Genau. Sag ich doch.“

Ich füllte mein Glas mit irgendeinem schweren Rotwein und muss Rüdi dann angestarrt haben wie James seine Miss Sophie am Ende der letzten Runde. Jedenfalls brach Rüdi in schallendes Gelächter aus, was mich ebenfalls zum Lachen brachte.

Tipp für die nächste Party: mit dem Lachen erst anfangen, wenn der Mund nicht mehr mit Rotwein gefüllt ist.

Zum Glück war die Küche gefliest, aber Rüdis Hemd hatte ein witziges Muster. Ich bekam einen Lachflash und schnappte nach Luft, und zum Glück fand er das mit seinem Hemd auch witzig.

Später am Abend fand ich mich in der strategisch besten Ecke der Couch wieder, vor mir ein leeres Glas, zu meiner Rechten und Linken je ein verliebtes Pärchen, die mit sich selbst beschäftigt waren, und ganz nah bei mir Rüdi, der seine Arme um mich gelegt hatte und den ich sanft küsste. Es schien ihm zu gefallen.

Irgendwas war absolut nicht so gelaufen, wie ich es geplant hatte. Vermutlich lag es am Rotwein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s