Mobbing

Ich war 14 und befand mich in einer Phase meiner Pubertät, die so schlimm war, dass sogar meine Eltern gelegentlich zu verzweifeln schienen. Ich suchte mich und meinen Stil, den ich später tatsächlich finden sollte, modisch, aber nie blind dem nächstbesten Trend hinterherlaufend, sportlich, aber nie dem Diktat der Waage oder des Selfies unterworfen, bodenständig, aber nie langweilig oder eintönig. Damals war das noch anders, mein Körper gefiel mir tagesformabhängig mehr oder weniger schlecht, was konsequenterweise immer ’schlecht‘ bedeutete, irgendetwas war immer zu fett, zu schwabbelig, zu dünn, zu knochig, zu blass, zu rötlich oder einfach zu abstoßend. Das tägliche Anziehen war eine Qual, nichts schien zu passen, nichts schien zusammenzupassen, nichts sah auch nur annähernd cool an mir aus. Ich begann meine langen goldblonden Haare zu hassen, die entweder zu platt oder zu struppig oder zu widerspenstig oder zu gesplisst oder zu kaputt oder zu langweilig waren, und ich wollte jeden zweiten Tag zum Friseur rennen und sie einfach abschneiden lassen, was ich dann aber aufgrund von … was auch immer … doch nie tat (insgeheim bedauere ich das bis heute, es wäre eine wahrhaft rebellische Entscheidung gewesen, die perfekt zu meinem damaligen Ich gepasst hätte), und der einzige, aber wirklich der einzige Vorteil war, dass ich aus irgendeinem mir vollkommen unbekannten Grund von Pickeln und Akne komplett verschont blieb. Und heute ist es natürlich immer noch nicht so, dass ich jeden Morgen aus dem Bett hüpfe, mich im Spiegel betrachte und denke ‚Boah, ich seh wieder super aus!‘, aber heute weiss ich im Halbschlaf, wie ich Augenringe, einen blassen Teint und widerspenstige Haare in kurzer Zeit in den Griff kriege. Damals war das allerdings ein dauerndes Drama. Jeden Tag.

Und in dieser heissen Phase meines Lebens schrieb mir ein ziemlich gutaussehender Mitschüler plötzlich Liebesbriefchen. Leon hieß er, und Leon schrieb richtige kleine Briefchen auf richtigen kleinen Zetteln aus Papier, die er heimlich in meinen Rucksack schummelte oder mir schüchtern in der Pause zusteckte. Ich war vollends verwirrt – ich hielt mich zwar grundsätzlich für attraktiv (ja, das ist ein Widerspruch zu dem vorher gesagten, aber meistens verließ ich das Haus in optisch annehmbarem Zustand – und ich habe gute Gene) und umgänglich, aber ich wusste, dass das tagesformabhängig war und ich viel zu häufig eine echte Zicke war. Leon stand in seiner Clique immer im Mittelpunkt, er war groß und kräftig, hatte strubbelige blonde Haare und blaue Augen, und er hatte ein loses Mundwerk und einen etwas zwielichtigen Humor, der mir oft genug rote Ohren verschaffte, wenn ich ihm heimlich zuhörte, mit dem Rücken zu seiner Gruppe mit meinen Freundinnen auf dem Schulhof stehend und vorgebend, ihrem Geschnatter zuzuhören, während ich doch nur an seinen haarsträubenden und hanebüchenen Heldengeschichten interessiert war. Leon gehörte zu den wirklich begehrten Jungs in unserer Klasse, ich vermute, dass die Hälfte meiner Mitschülerinnen heimlich in ihn verknallt war, sofern sie sich schon für Jungs interessierten. Ich war gerade in die Phase eingetreten, in der ich Jungs nicht mehr grundsätzlich für störend, nervig, pickelig, grob, unhöflich, langweilig, plump, hässlich, dumm und uninteressant, kurz: überflüssig hielt, und war folgerichtig mit meinen Freundinnen in einen unausgesprochenen Wettstreit getreten, welche von uns den ersten „Freund“ abkriegen würde. Es kursierten bereits einige wilde Geschichten unter den Mädchen in unserer Klasse, einige behaupteten sogar, schon Sex gehabt zu haben, „mehrmals“, und „es war so geil!“, aber meine beiden besten Freundinnen und ich taten das wahlweise als vollkommen übertriebene Prahlerei oder als frühreifes Geschwafel ab. Und wenn wir schon Sex haben würden, dann nur mit „Mister Right“.

Und so kamen Leons romantischen Zettelchen mit meinem heimlichen Verlangen nach ihm zusammen und bildeten in kürzester Zeit ein hochexplosives Gemisch. Die Nachrichten fingen schüchtern an: „Du hast ein schönes Lächeln!“, „Coole Schuhe!“, „Ich mag das Funkeln in deinen Augen!“, doch nach einiger Zeit wurde er mutiger: „Du hast einen schönen Kussmund!“, „Du siehst sexy aus!“. Und keine drei Wochen nach der ersten Botschaft schrieb er: „Wollen wir uns heute in der großen Pause heimlich hinter der Turnhalle treffen? L.“. Ich fühlte, wie meine Ohren wieder rot wurden und meine Wangen glühten, ließ mir aber gegenüber meinen Freundinnen nichts anmerken – man soll ein Geheimnis für sich behalten können. An dem Morgen, es war ein Montag – am Tag zuvor hatte ich meinen Eltern gesagt, dass ich mit dem Handballspielen aufhören wollte; was für ein Zufall!, dachte ich noch, Du machst eine Tür zu und die nächste geht auf, das Leben ist wunderbar! -, wusste ich endlich, wie sich Schmetterlinge im Bauch anfühlen und wie es ist, wenn man im Unterricht aufgerufen wird, aber nur stammelnd antworten kann … und sich zum Gespött der Klasse macht, wenn man in Geschichte mit einer mathematischen Formel aufwartet. Leon lächelte mich an, zwinkerte mir zu, strahlte mich an. Ich strahlte zurück.

Als es endlich zur großen Pause läutete, ließ ich meine verdutzten Freundinnen mit „Ich muss mal wohin“ stehen und huschte auf Umwegen – man will sich nicht erwischen lassen – zu meinem ersten Rendezvous. Ich hatte eine ungefähre Vorstellung davon, wie man „hinter die Turnhalle“ kam, Gerüchten zufolge wurde dort mit Gras gedealt und einige große Jungs (und Mädchen) zogen sich dort Joints und Hartalk rein. Man konnte entweder links von der Turnhalle über den Parkplatz gehen und sich durch eine Lücke im Zaun zurück auf das Schulgelände zwängen, oder man konnte sich auf dem Pausenhof ins Gebüsch schlagen und zwischen einer dicken Eiche und einem baufälligen Schuppen neben der Turnhalle hindurch auf den schmalen Grünstreifen auf der Rückseite gelangen. Ich entschied mich für den Weg über den Parkplatz, für den anderen Weg musste man die Pausenaufsicht austricksen, das war nicht ganz einfach, aber den Parkplatz erreichte man problemlos durch den Nebenausgang der Schule, wo sich sowieso nie jemand aufhielt.

Ich lief also über den Parkplatz, ich schwebte quasi, in stiller Vorfreude auf mein heimliches Date. Was würden wir machen? Wäre es okay, ihn gleich zu küssen? Nicht, dass ich gegenüber meinen Freundinnen je eingestanden hätte, noch nie einen Jungen geküsst zu haben, aber so war es – das sollte tatsächlich mein erster Kuss werden. Okay, in der Grundschule hatte ich auf einer Geburtstagsfeier einen Jungen geküsst, und das mehr als einmal, bis er schließlich schreiend die Flucht ergriffen hatte, vermutlich war ich zu aufdringlich gewesen. Mehr als küssen wollte ich aber auf gar keinen Fall. Und falls er mir eine Zigarette oder Schlimmeres anbieten wollte, wäre er bei mir auch an der falschen Adresse.

Ich fand die Lücke im Zaun und fädelte mich hindurch. Dahinter befand sich dichtes Gebüsch, was sich zwischen hohen Bäumen ausbreitete, aber nach wenigen Schritten wurde ein breit ausgetretener Pfad sichtbar, so dass ich den Weg hinter die Turnhalle problemlos fand. Das ist ja wie eine Schnellstraße hier, dachte ich, erstaunt darüber, dass unser Hausmeister das Loch im Zaun noch nicht gefunden und repariert hatte. Er drehte immer direkt nach Schulschluss mit seinem Schäferhund eine Runde über das ganze Gelände, aber entweder war der Hund unfähig oder der Hausmeister blind, jedenfalls war der Zugang offensichtlich seit geraumer Zeit vorhanden.

Ich spürte ein breites Grinsen in meinem Gesicht und das Puckern meines Pulsschlags in den Ohren, ich war wie berauscht. Mein Geliebter, ich eile, ich eile zu Dir!

Euphorisch trat ich aus dem Unterholz ins Freie, wobei das „Freie“ in diesem Fall ein etwa drei Meter breiter und 70 Meter langer Streifen hoher Gräser war, der sich zwischen der Turnhalle und dem Zaun an der Rückseite des Schulgeländes erstreckte. Ich hob den Kopf, den ich beim Beiseiteschieben der letzten dornigen Zweige des Buschwerks gesenkt hatte, und erblickte … eine große Horde Schüler! Und es waren nicht irgendwelche Schüler, es war praktisch meine ganze Klasse. Vor ihnen, wie ein Anführer in einer Schlacht, stand mein Märchenprinz, breitbeinig und breit grinsend, und neigte seinen Kopf leicht nach hinten zu den anderen. „Wetten, dass sie gleich losheult?“

Und genau das tat ich, als mir klar wurde, dass er mich die ganze Zeit über nur verarscht hatte. Die Welt um mich herum verfärbte sich grau, wurde blass und stürzte ein, und nicht nur um mich herum, auch in mir brach alles zusammen. Er war kein Märchenprinz mit einem Strauß weißer Rosen, sondern ein Meister des Mobbings mit einem blutigen Dolch, den er mir mitten ins Herz gerammt hatte. Ich sank zu Boden, krümmte mich und ließ meinen Tränen freien Lauf.

„Gewonnen! Gewonnen!“, rief er triumphierend. Ja, er hatte gewonnen. Ich hatte verloren.

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